Ratschläge eines Meisters
an seinen Pilgerschüler




Es gibt keine Pilgerschaft ohne Bewegung.


Wenn du nicht weißt, welches der richtige Weg ist, folge dem einen von beiden.


Der Weg, der leicht zu begehen ist, führt selten auf den Gipfel.


Du kannst wahres Glück finden, indem du dein Haus verlässt und draußen umherwanderst – aber nur, wenn Gott dort draußen ist.


Das Leben ist die Pilgerschaft, Gott ist der Weg, auch wenn der Pilger einen anderen einschlägt.


Wer Steine vom Weg aufsammelt, kommt nicht voran. Wer einen Lahmen auf die Schultern nimmt, kommt schneller voran.


Ein Wegweiser, der angesichts deiner Betrachtung entzwei bricht, ist ein Zeichen. Ein abgebrochener Spazierstock ist nur ein Zeichen deiner rohen Kraft.


Der Weg, der zum Ziel führt, ist nicht einer. Aber nicht jeder ist einer.


Ein schlammiger Weg ist schwer zu begehen, aber es ist ein Weg. Ein tiefes Moor ist kein Weg.


Ein Weg, der durch ein dunkles Tal führt, muss zuweilen genommen werden. Aber das Ziel liegt nicht im dunklen Tal.


Gott liebt die Narren, denn sie kennen ihn besser als sich selbst. Aber verwechsle einen Narren nicht mit einem Toren, denn der ist mit sich selbst im reinen.


Wo du stehst, da stehe. Wo du gehst, da gehe. Wo du sitzt, da sitze. Und wo du liegst, da liege. Aber ändere deine Haltung von Zeit zu Zeit.


Auch ein kleiner Vogel kann dir den Weg weisen, wenn dein Herz währenddessen mit Gott spricht.


Bleibe niemals so lange bei einer Gruppe von Menschen, dass du so wirst wie sie. Es sei denn, sie wären schon mehr als das.


Denke nicht, du gelangtest nur dann und wann an eine Wegkreuzung. Mit jedem einzelnen Schritt und jedem einzelnen Gedanken bieten sich dir hundert Wege dar. Deshalb sei achtsam, dass du nicht das eine Ziel verlierst.


Siehst du die Zugvögel ziehen? Sie wissen, wann der Zeitpunkt zum Aufbruch, welche Richtung einzuschlagen und welcher Ort zur Rast geeignet ist, denn sie tragen Kairos, Kompass und Karte in sich. Du bist wie sie!


Hast du dich im Unterholz eines undurchdringlichen Waldes verirrt? Nicht verirrt, denn wo auch immer du gerade bist, bist du richtig, denn da ist Gott.


Grämst du dich, weil dich Hindernisse abhalten, geradewegs auf dein Ziel zuzusteuern? Zuweilen führt ein Umweg schneller ans Ziel. Deshalb erfreue dich der Aussicht und geh weiter.


Du fragst dich, wovon du auf deiner Wanderschaft leben sollst? Von allem, was du kannst und auch von dem, was du noch nicht kannst, Dummkopf.


Auf deiner Pilgerschaft werden dir viele andere Wanderer begegnen, manche Pilger, manche Geschäftigen, manche Vagabunden. Manche Wanderer werden dich ein Stück deines Weges begleiten und dann unversehens verschwinden, also lass sie ziehen. Andere werden dir entgegen kommen und an dir vorbeigehen; auch jene sind die Genossen deiner Wanderschaft, die entgegengesetzt zu dir gehen. Manche Pilger werden nach demselben Ziel streben wie du, aber einen anderen Weg bevorzugen; vielleicht wissen sie einen besseren Weg, vielleicht ist der deine besser, wer kann das wissen? Manche Geschäftigen werden von deinem Ziel nichts wissen und nicht von den Blumen am Wegesrand, weil sie zu beschäftigt sind mit dem, was weder nahe liegt noch in der Ferne dir voranleuchtet. Mach es nicht wie sie. Manche Vagabunden werden nicht wissen, wozu und wohin. Erkläre ihnen deinen Weg aus Barmherzigkeit, aber lade sie dir nicht auf den Rücken. Hüte dich vor den Räubern, die als Mönche und Nonnen verkleidet sind und hüte dich, die Heiligen nicht zu ehren, die als Bettler und Vagabunden verkleidet sind. Deshalb lüpfe die Kutten und alten Lumpen und edlen Gewänder und schaue mit dem Blick deines Herzens, was sich unter der Umhüllung verbirgt.


Drei Dinge werden dir begegnen, die du fürchten musst und drei Dinge, die du nicht zu fürchten brauchst. Die drei Dinge, die du fürchten musst, sind: Du selbst, denn das bist du nicht; dein eigener Hass, denn er hat kein Objekt außer dir; und das Glück, denn es ist von kurzer Dauer. Die drei Dinge, die du nicht zu fürchten brauchst, sind: der Hass anderer, denn er richtet sich niemals gegen dich; Niederlagen, denn sie sind unsere Lehrmeister; und der Tod, denn er existiert nicht.


Einst begehrten zwei Asketen als Schüler des Ordens aufgenommen zu werden. Der eine pflegte nach der Art christlicher Büßer einen Gürtel mit Stahlnägeln zu tragen, die sich ihm ins Fleisch bohrten. Der andere pflegte sich nach der Art indischer Sadhus Stahlnägel durch die Zunge zu bohren. Zu dem ersten sagte der Meister: „Weshalb kasteist du dich?“ „Um den Widerstand meines Körpers gegen den spirituellen Fortschritt zu brechen“, antwortete der Gefragte. „Und was empfindest du dabei?“. Der Gefragte dachte einen Augenblick nach und sagte darauf: „Ich empfinde Hass auf mein verderbtes Fleisch“. „Dann ist es also Hass, was du züchtest, nicht Liebe, es ist Trennung, nicht Einheit, Satan, nicht Gott“.

Daraufhin wandte er sich dem zweiten Sucher zu und fragte diesen: „Weshalb fügst du dir Schmerzen zu?“ „Ich füge mir keine Schmerzen zu“, antwortete dieser. „Ich überwinde den Schmerz“. - „Und was empfindest du dabei?“ - „Die Glückseligkeit, nicht ganz von dieser Welt zu sein“. - „Seht“, sagte der Meister zu beiden, „was gleich erscheint, ist von so ungleicher Art, so ungleicher Folge und so ungleichem Wert. Tut niemals, was euch mit euch selbst entzweit, glaubt niemals, durch eine Übung, mit der ihr euch selbst unterdrückt, etwas anderes zu fördern als das Unterdrückte. Aber überwinden dürft ihr euch statt dessen wohl“.


Ein Schüler in der Pilgerschaft, der von seinem Lehrer auf den Weg geschickt worden war, sprach zu diesem: „Meister, ich will euch gerne folgen, aber zuvor habe ich noch einige Dinge zu erledigen: Ich muss Geld verdienen, damit ich unterwegs etwas zu essen habe und nicht betteln muss; ich muss meine Lehre beenden, damit ich den Menschen unterwegs nicht als Nichtsnutz erscheine; und muss meine große Liebe finden, damit ich nicht unterwegs ruhelos werde“. „Das sind gute und weise Anliegen“, entgegnete ihm der Meister, „aber bis du sie verwirklicht haben wirst, ist es schon zu spät für dich, um aufzubrechen. Deshalb rate ich dir: Geh jetzt sofort los und erledige alles, was du dann noch zu erledigen hast, unterwegs“.


Ein anderer Schüler, der von seinem Meister alleine auf den Weg geschickt wurde, beklagte sich bei ihm: „Meister, ich weiß wohl, dass ihr sagtet: Alles, was du auf dem Weg brauchst, findest du in dir. Ich habe aber lange gesucht und ich kann den Weg in mir nicht finden. Es ist wohl so, dass ich doch Wegweiser und Hilfe von außen benötige“. – „Dummkopf!“ sagte der Meister. „Innen und außen sind gleich. Wenn du Wegweiser erwartest, werden Wegweiser da sein. Übersieh sie nur ja nicht!“


Wenn du in die Städte und Dörfer kommst, werden sie dich für verrückt halten, weil du jenseits der viel betretenen Pfade gehst. Sie werden die Idee verlachen, den Weg zum Gipfel einschlagen zu wollen, weil es dort in den Wolken nichts zu sehen gäbe. Sie werden warnen vor den Gefahren des Weges, der Dunkelheit, der Einsamkeit der Landschaft, wo du dich verlieren könntest. Ich aber sage dir: Du musst in die Dunkelheit gehen, um sie zu überwinden, du musst die Einsamkeit suchen, um dich selbst zu finden und du musst so weit hinauf streben, dass kein Berg mehr unter deinen Füßen zu spüren ist. Die einzige Gefahr, die dich auf deinem Weg zu Fall bringen kann, das bist du dir selbst.