Viatorenmotto


English

Ordo Viatorum


Der Orden der Pilgerinnen und Pilger für ein neues Zeitalter




Die Spiritualität der Viatoren
Wie innen so außen
Das göttliche Spiel
Warum pilgern?
Wie wird aus einer Wanderung eine spirituelle Reise?
Wie wird man Viator/Viatorin?
Was tut eine Viatorin / ein Viator?
Woraus bezieht der Ordo Viatorum seine sprituelle Legitimation?


Zusammenfassung:

  • Viatoren/innen sind Menschen, die eine Spiritualität jenseits der etablierten Religion für sich entdeckt haben.
  • Nicht eine einzelne Religion, sondern Bestandteile aller religiösen Traditionen bilden einen Ausdruck der einen spirituellen Wahrheit.
  • Deshalb ist eine universelle Spiritualität anzustreben, die jeder Einzelne selbstverantwortlich in sich finden kann.
  • Pilgern ist sowohl ein Bild für den Lebensweg des Menschen auf dieser Erde als auch eine konkrete spirituelle Übung.
  • Damit Pilgern zu einer wirklich spirituellen Übung wird, muss es eine Abkehr vom üblichen Lebensstil unserer Gesellschaft beinhalten: Viator(inn)en müssen sich frei machen von allem, was zwischen ihnen und der unmittelbaren Erfahrung steht (der Erfahrung ihrer selbst, der Welt, der Mitgeschöpfe und der göttlichen Ebene des Seins).
  • Viator/in wird man nicht durch Beitrittserklärung (denn es gibt keine Organisation), sondern durch Anschluss an die Idee einer individuellen, zugleich universalen Spiritualität, und durch einen Lebensstil, der dem permanenten Unterwegsseins zu sich selbst und zum Göttlichen entspricht.
  • Die äußere Pilgerreise wird durch meditative Methoden und die innere Haltung der "exteriorisierten Mystik" zu einer spirituellen Übung.





Die Spiritualität der Viatoren

Viator bedeutet Pilger. Für die christliche Theologie (Hebr 11,13; auch Thomas von Aquin) ist unser Leben hier ein vorübergehender Aufenthalt, eine Wanderung durch das irdische Jammertal, die wieder dort endet, wo sie begonnen hat: bei Gott. Der Sinn der menschlichen Existenz drückt sich für den Pilger im Bild einer lebenslangen Reise aus: Wir kommen aus einer anderen Dimension, steigen zum Zeitpunkt unserer Zeugung (nicht unserer Geburt!) in diese irdische Existenzform ein, gehen eine Weile hier hindurch, um am Ende des Lebens den nächsten Zug zu nehmen, der uns wieder in eine andere Welt trägt. Wir sind hier, um uns weiterzuentwicklen und die Aufgaben zu bewältigen, die unser göttlicher Trainingsplan vorsieht. Welches deine Aufgaben sind, kannst nur du allein herauszufinden, aber die eigentliche Aufgabe besteht nicht darin, innerhalb dieser Welt viel zu erreichen: Reichtum, Anerkennung, Titel und Macht. Der Sinn des menschlichen Lebens kann immer nur gemessen werden an dem, was wir mitnehmen, wenn wir sterben. In diesem Moment beginnt (für längere oder kürzere Zeit) unser eigentliches Leben, jenseits dieser eingeschränkten Welt. Während wir hier auf diesem Planeten sind, ist das Ziel hingegen, unseren eigenen Weg zu finden, das heilige Potential in uns zur Entfaltung zu bringen. Das geht nur, indem wir unserer individuellen Bestimmung folgen („Ita tuum propium fac“ - Geh deinen eigenen Weg, lautet das Motto der Viatoren). Es kann deshalb unmöglich der Sinn eines Erdenlebens sein, nur den Anforderungen einer Gesellschaft zu folgen, die nichts von Spiritualität weiß, nur zu arbeiten und für die eigene Karriere Sorge zu tragen, Vergnügen oder gar Ablenkung zu suchen, sich auf jede mögliche Weise durch Sex und Konsum zu befriedigen oder durch Drogen und Film und Fernsehen abzulenken.

Pilgern bedeutet Unterwegssein, auf der Suche sein nach dir selbst, nach deinem ganz eigenen Lebensweg, nach dem Göttlichen - dauernd sich als eine/n begreifen, der/die unterwegs ist, bis das große Ziel endlich erreicht ist ("Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir", Augustinus). Es bedeutet Ungebundensein an das Leben auf diesem Planeten, auf dem Weg zu sein zu sich selbst und darüber hinaus, sich auf den Weg zu machen und nicht stehen zu bleiben, sich zu verändern und immer weiter zu entwickeln auf das höhere, das letzte Ziel hin, nicht auf das irdische Ziel, das uns unsere materialistische Kultur als das alleinige Ziel vorgaukelt. Um diesen Weg zu gehen, benötigen wir vor allem eine spirituelle Bindung, die wir in uns finden, nicht in Formeln und Ritualen und Geboten, die uns immer äußerlich sind. Die tiefe Innenschau, der tiefe Kontakt mit uns selbst, mit der natürlichen Welt und den Wesenheiten und spirituellen Kräften der metaphysischen Welt ersetzen für die wahren Pilger die Massenangebote der Religionen. Die Via Viatorum (der Weg der Viatoren) ist deshalb keine Religion und nicht Teil einer Religion. Sie ist eine Form von freier Spiritualität.

Jahrtausende lang – seit sich die schamanistische Urreligion der Menschheit in priesterliche und anschließend in persönliche Kultformen weiterentwickelt hat – wurde Spiritualität als die private Ausübung einer Praxis innerhalb einer Religion aufgefasst. Noch immer ist es vielen Menschen selbstverständlich, von einer christlichen, einer jüdischen, islamischen, buddhistischen, hinduistischen Spiritualität zu sprechen. Demgegenüber vertritt der Ansatz der Via Viatorum eine andere Auffassung: Religion und Spiritualität stehen sich gegenüber, Spiritualität ist nicht ein Teil von Religion, sondern geht über jede einzelne Religion hinaus (vgl. die Begriffe natürliche Theologie, [Philo]sophia perennis, der universale Religionsbegriff von Frithjof Schuon oder Aldous Huxley). Wahre Spiritualität kommt nicht aus ohne die Anleitung der alten Traditionen von Lehrern, verwirklichten Meistern, Propheten, Gottessuchern und Heiligen, die wir als Religionen kennen. Ohne ihre wertvollen Lehren und ihre Fürsprache und Begleitung ist Spiritualität noch nicht möglich. Aber all diese Lehrer(innen) stammen aus den unterschiedlichsten Kulturen, folgten den unterschiedlichsten geistigen Strömungen, den unterschiedlichsten Perspektiven auf das Göttliche. Warum sollte eine einzige von ihnen die Wahrheit enthalten, während alle andere sich irren? Dieser Alleingeltungsanspruch, den alle Religionen in mehr oder minder starker Form vertreten (in starker Form der Katholizismus und der traditionelle Islam, in schwacher Form der Hinduismus und Buddhismus) kann keine Abbildung der Wirklichkeit jenseits des Schleiers unserer begrenzten Wahrnehmung der Tiefendimension des Kosmos sein.

Die Spiritualität des neuen Zeitalters, wie die Via Viatorum sie lehrt, beruht deshalb auf der Gewissheit, dass alle Religionen Ausdrucksformen der einen WAHRHEIT sind, die von Menschen, solange sie vollständig in ihrer körperlichen Existenz gefangen sind, nicht direkt, sondern nur indirekt wahrgenommen werden kann. Die WAHRHEIT ist wie das gleißende weiße Licht, das durch ein Prisma gebrochen wird und tausendfältige Farben hervorbringt - die religiösen Lehren, die von den kulturellen Formen und den persönlichen Anlagen der Menschen abhängen, durch die dieses Licht als Gefäße hindurchgehen muss. Dabei kommt es aber nicht nur zu einer Auffächerung des weißen Lichtes in vielfältige reine Farben, sondern es kommt auch zu Verunreinigungen, denn kaum einer der besagten Menschen ist aus reinem Glas, das die ihm zukommende Farbe völlig ungehindert durchlässt. Im Gegenteil: Jeder Mensch bringt einen Anteil Persönliches mit, und erst recht der zweite, der dritte, der die Lehre empfängt, die Epigonen der großen Meister, die Theologen, Interpretatoren, Religionsgelehrten. Gegenüber den erstrangigen prismatischen Gestalten, die vielleicht als Religionsgründer und große Heilige gelten, vielleicht aber auch niemals in ihrem Leben jemandem auffallen, wird die spirituelle Wahrheit durch nachrangige, aber in der Hierarchie der Religionen oftmals hoch angesehene Personen getrübt und verdorben (und gehört nicht auch der große Paulus von Tarsus hierher?).

Auch die Religionsgründer selbst können unterschiedlich stark von der WAHRHEIT durchdrungen sein. Deshalb muss man in den einzelnen Religionen von einem unterschiedlichen Grad an Zugang zur Wahrheit ausgehen, aber keine Religion birgt die ganze WAHRHEIT und keine Religion birgt keine WAHRHEIT in sich. Eine Spiritualität für die neue Zeit des globalisierten Zeitalters, das wunderbarerweise alle spirituellen Quellen mehr und mehr öffentlich für jeden und jede zugänglich macht, kann sich des Vergleichs der Religionen auf ihre Wahrheit hin nicht mehr entziehen (nicht aus einer äußeren Perspektive, wie die Religionswissenschaft das tut, sondern aus ihrer transzendentalen Wahrheit heraus die Religionen zu untersuchen - so definierte schon William James eine "psychology of religions"). Dazu bedarf es nicht nur der Experten, die den Überblick besitzen, und gewiss nicht der Priester der einzelnen Religionen. Jede/r Einzelne ist aufgefordert, sich nach seiner Befähigung dem Projekt der Erschließung der WAHRHEIT aus den einzelnen Wahrheiten der religiösen Traditionen anzuschließen und für sich persönlich zu erproben, was wahr ist und was nicht.

Viele, die im christlichen (jüdischen, islamischen) Glauben aufgewachsen sind, glauben, was ihre Theologen sagen, die angesichts der Neuen Spiritualität von einem “Potpourri”, einem Eintopf von Glaubenszutaten sprechen, der nicht authentisch DEN Glauben wiedergeben kann. Aber DEN Glauben gibt es eben gar nicht, nicht einmal innerhalb einer Religion, Kirche oder Gemeinde. Manche halten es für Gotteslästerung, nicht die Bibel oder den Koran zur Grundlage der eigenen Spiritualität zu erklären. Aber was sind diese Bücher denn? Die Bibel beispielsweise ist (selbst nach Ansicht der überwiegenden Zahl heutiger Theologen) nichts anderes als die niedergeschriebene Erfahrung, die Menschen mit Gott machten und die andere Menschen zur verbindlichen Überlieferung der Selbstoffenbarung Gottes erklärt haben. Bedauerlicherweise hat man die Suche nach der Erfahrung des lebendigen Gottes zugleich mit der Endredaktion dieser heiligen Schriften vor tausenden oder hunderten von Jahren abgeschlossen. Es ist aber gar nicht begründbar, warum nicht die heutigen Erfahrungen von Menschen mit dem Göttlichen, dem Übersinnlichen und der Tiefendimension des Kosmos ebenso “kanonisch”, also gültig sein sollten, um etwas über das Göttliche auszusagen. “An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen” hat der große Heilige aus Nazareth gesagt. Ob eine Erkenntnis des Göttlichen WAHR ist, erweist sich an ihren Konsequenzen: Führt sie mich oder dich ganz persönlich zu einer tieferen, echteren, erfüllenderen und für das Gesamt des Lebens positiveren Erkenntnis, Einstellung, gelebten Haltung - oder nicht? Das ist die einzige entscheidende Frage bei der Prüfung jeder spirituellen Lehre. Mach dich auf den Weg und suche in dir nach der WAHRHEIT, indem du die Erfahrungen anderer als Richtschnur, aber nicht als Dogma verwendest.

Ausgedrückt in einem “Glaubensbekenntnis” könnte man vielleicht sagen: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Großen Geist, und an die Mutter, die Schöpferin der Erde und des Weltalls. Ich glaube an ihre eingeborenen Söhne und Töchter, die den Funken des Göttlichen in sich selbst erkannt und weitergegeben haben, und an die Wirklichkeit ihrer Erfahrung. Ich glaube an eine Welt jenseits dieser Welt, an eine Ordnung jenseits der von uns Menschen gemachten Ordnung, an eine Gerechtigkeit jenseits der menschlichen Gerechtigkeit und an meinen Auftrag, diese Wirklichkeit in mir selbst zu verwirklichen. Oder: Ich nehme meine Zuflucht zur Lehre der großen Meister, zur Gemeinschaft der Heiligen und zum Göttlichen in mir und außerhalb von mir. Diese letztere Formulierung erinnert an das Glaubensbekenntnis der Buddhisten, wo man im Buddha, seiner Lehre und der Gemeinschaft der Vollendeten die alleinige Zufluchtsstätte gegenüber dem Leiden der Welt sieht.


Wie innen so außen

Im eben genannten Glaubensbekenntnis stecken einige Annahmen, von denen eine besonders zentral ist, nämlich die Göttlichkeit des Inneren und Äußeren, die Korrespondenz von Tiefen- und Oberflächendimension der Welt, von Gott-Vater (heiligem GEIST) und Gott-Mutter (heiliger Welt). Wir sind alle Teil einer wohlgeordneten spirituellen Welt, eines Kosmos (von griechisch „Ordnung“, „Schmuck“), in dem nichts aus Zufall geschieht, sondern Inneres und Äußeres, das Selbst des Menschen und das Universum einander Antwort geben - auch wenn uns das nicht immer bewusst sein mag. Es ereignen sich Fügungen (oder Synchronizitäten; C. G. Jung), bei denen unser eigener Schicksalsfaden und der Ereignisstrom der Welt sich verknüpfen. Bewusst wird es uns nur, wenn wir uns im Zustand der Verbindung zwischen uns und dem Göttlichen oder Innerem und Äußerem, niederem und höherem Selbst befinden. Dieser Zustand der Verbindung ("connexio") ist erreichbar durch Meditation, insbesondere durch innere Stille und Achtsamkeit. Jeder Mensch, gleich welche Spiritualität er ausübt, hat Teil an diesem spirituellen Unus mundus (der „einen Welt“), der untrennbar und unteilbar ist in seinen wechselseitigen Verbindungen (wie das Netz Indras), der geistigen (“Gott-Vater”) und der materiellen Welt (“Göttin-Mutter”). Im scharfen Gegensatz zur heute vorherrschenden materialistischen Auffassung der Welt geht eine Viatorin davon aus, dass die Welt nur an ihrer Oberfläche durch die Wissenschaften erklärbar ist. Die spirituelle Tiefendimension der Welt liegt wie ein geistiges Netz darunter (vgl. die Auffassung des Theologen und Naturwissenschaftlers Pierre Teilhard de Chardin). Es ist deshalb auch unmöglich, die naturwissenschaftliche und die spirituelle Perspektive oder eine Spiritualität gegen eine andere auszuspielen, wie das bei den menschlichen Institutionalisierungen des Spirituellen, den Religionen, der Fall ist. Denn die spirituelle Tiefendimension liegt jenseits des Verstandes, des Gefühls oder der Sinneswahrnehmung (diese können sie nur zuweilen unvollkommen widerspiegeln). Sie liegt jenseits der zweiwertigen Logik, wie schon Nikolaus von Kues wusste (Gott ist die coincidentia oppositorum, der Zusammenfall der Gegensätze). Und im Unterschied zur reinen Zweckdienlichkeit naturwissenschaftlicher Perspektiven ist die Tiefendimension immer ethisch, denn ihre Gesetzmäßigkeit ist letztendlich immer gut, weil alles aus einem SINN (chinesisch, nach der Übersetzung von Richard Wilhelm, = TAO) heraus entsteht. Deshalb ist nicht die Atomkraft, sondern die Liebe die stärkste Kraft im Universum. Wir sollten deshalb alles als Gottesdienst, eingedenk des Göttlichen, mit Achtsamkeit tun und nicht aus Selbstsucht, aus Egozentrik, die das größte Geistesgift ist. Wir sollten dem Göttlichen gegenüber demütig sein, das immer stärker, größer und weiser ist als die Einzelwesen, aber nicht gegenüber den Gegebenheiten dieser Welt, und diese als bloßes Abbild der eigentlichen, dahinter liegenden Wirklichkeit begreifen.



Das göttliche Spiel

Das Siegel des Viatorenordens trägt die Umschrift: "Das Göttliche ist unnennbar - der Mensch ist ein fähiger Spieler". Wenn wir das Bisherige verstanden haben, können wir uns schon vorstellen, wieso das Göttliche unbenennbar oder namenlos sein sollte: Weil jeder Name ("Gott", Allah", "Odin" etc.) das Göttliche auf eine bestimmte menschliche Vorstellung und Definition reduziert. Wie der antike Mystiker Dionysios Areopagita erfuhr, lässt sich das Göttliche aber nur in dem definieren, was "es" nicht ist (negative Theologie). Der zweite Teil der Siegelumschrift bezieht sich auf die Sichtweise der Welt als eines freien Spiels der göttlichen Kräfte. Wie wir die spirituelle Wirklichkeit niemals begreifen können, solange wir an verstandesgemäßen Erklärungen nach dem Schema der Aristotelischen Logik festhalten, ebenso wenig können wir die Ernsthaftigkeit und Bedeutung der spirituellen Dimension begreifen, solange wir ihren Sinn nicht als Spiel sehen, das das Göttliche mit sich selbst spielt, indem es sich in viele Einzelentitäten zersprengt, die nichts voneinander und vom Ganzen wissen (so beschreiben es die Kabbala und eine hinduistische Legende) und dadurch das Spiel als perfekte, mit ihrer Rolle identifizierte Schauspieler ausführen.

Der Kosmos enthält viele Dimensionen, in denen viele verschiedenartige Wesen leben (vgl. die Forschungen des Physikers Burkhardt Heim; vgl. die verschiedenen Körper im Hinduismus, die verschiedenen Himmel in alten christlichen Lehren und bei den Spiritisten, bei Allen Kardiac). Eine Wiedergeburt aus einer anderen Dimension als Mensch ist dazu gedacht, dass wir uns hier bewähren, denn die Form dieser Wiedergeburt ist am besten dazu geeignet, uns weiterzuentwickeln. Dies ist der Sinn unseres Lebens, verleiht aber dem Leben zugleich den Charakter einer Illusion, einer Spielwiese, ähnlich einem sportlichen Spiel oder Abenteuerspiel, einem modernen Computerspiel, einem Quest, das Level um Level neue Aufgaben für den Spieler enthält, bis er am Ziel angelangt ist. Aber die Figuren, die darin agieren, wissen nicht, dass sie sich in einem Spiel befinden und die eigentliche Realität erst außerhalb des Spiels beginnt. Wüssten sie es, würden sie sich nicht mehr anstrengen und der beabsichtigte Effekt wäre dahin: den kurzen Aufenthalt hier in dieser Weltdimension als Trainings- und Schulungslager zu nutzen - mit allem Ernst und aller ernthaften Angst vor dem Tod, dem Verlassen des Spielfelds. Der Mensch ist also ein Spieler, und sobald er versteht, dass er Teil einer Scheinrealität ist, bei der es sich in Wirklichkeit um ein göttliches Spiel (ludus divinus; sanskrit: lila) handelt, wird er zum fähigen, zum bewussten Spieler. Diese Sichtweise auf die Welt als Spiel ist eine etwas andere Akzentuierung, aber kein Widerspruch gegenüber den Erfahrungen vieler Mystiker aus Ost und West, der hinduistischen Sichtweise der Welt als "maya" (Illusion) oder Erfahrungen fortgeschrittener buddhistischer Meditierender (auch wenn die buddhistische Erklärung ganz anderen Gedanken folgt).


Wenn wir die Welt als Spiel ansehen, dann erkennen wir, dass die sozialen Rollen, die wir in dieser Welt einnehmen, nur Teil dieses Spieles sind, aber spätestens mit dem Augenblick, in dem wir unseren Körper verlassen, wird klar, dass sie nicht wirklich waren. Deshalb ist es wichtig zu lernen, bei jedem Menschen, dem wir begegnen - vor allem aber bei uns selbst - die Konditionierung und das, was die Gesellschaft und unsere Biographie aus uns geformt haben, von unserem eigentlichen Kern und dem Kern der Anderen zu unterscheiden. Wir müssen unbedingt das Auftreten, die Position und die Verhaltensweisen eines Menschen von seinem eigentlichen Wesen zu trennen lernen, denn nur sein Wesen ist echt und überdauert diese Existenz. Ebenso reagiert jemand, der die Spielperspektive verstanden hat, nicht mehr gekränkt, wenn seine äußeren Verhaltensweisen und die Art, wie er erscheint, kritisiert werden, weil er weiß, dass damit sein Wesen gar nicht gemeint sein kann. Andererseits brauchen wir hohen Würdenträgern und Menschen mit großem gesellschaftlichem Ansehen keinen höheren Respekt zu zollen als jedem anderen. Respekt verdient derjenige, dessen Wesen wir als besonders vollendet und hoch entwickelt erkennen, nicht derjenige, der es hier in dieser Welt weit gebracht hat. Das zu erkennen aber erfordert - wie alles andere - lange Übung, hinter die Kulissen und ins Herz der Dinge zu sehen.


Sobald wir die verschiedenen sozialen und personalen Spiele der anderen durchschauen, können wir beginnen, selbst unsere Rolle bewusst zu spielen. Wir können unserer Rolle auch einen Namen geben und uns dabei denken: Jetzt spiele ich einmal den Clown, oder jetzt spiele ich den alten Weisen - wobei wir wissen, dass wir nur eine Rolle einnehmen, wie auf einer Theaterbühne. Der Soziologe Goffman hat völlig zurecht behauptet, wir spielten alle Theater, aber er hat nicht berücksichtigt, dass unser Spiel einem gewissermaßen göttlichen Drehbuch entspricht. Darin ist sogar eingeschlossen, dass wir uns als Personen fühlen, weil unser unendliches Geisteskontinuum für die Dauer unseres irdischen Lebens in einem materiellen Körper eingeschlossen ist (und auch in anderen Welten andersartigen Körpern verbunden ist). Durch die Körperanhaftung denken wir nicht "Ich bin ein unendlicher Strom von Bewusstsein", sondern: Ich bin Herbert oder Uschi oder ein solcher und solcher Mensch. Diese Identifikation ist aber in Wirklichkeit ebenfalls nichts als ein Theaterspiel, das wir mit uns selbst inszenieren. Der Unterschied zwischen dieser nur in diesem Leben gültigen Identifikation, die wir Ego nennen, und dem eigentlichen Selbst markiert der Übergang von dieser in eine andere Existenzform: Was bleibt, ist unser Selbst. Unser niederes Selbst ist der Teil, der uns - auch in der nächsten Existenzform - zu einer Person macht, unser höheres Selbst ist der Anteil, der uns mit dem Göttlichen verbindet, unser Nicht-Selbst (An-Atman) ereignet sich erst, wenn wir mit dem Göttlichen eins sind.



Warum pilgern?

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit gab es eine Zeit, in der das Spirituelle so wenig seinen Platz fand wie heute. Viele Menschen bejubeln die Technologie, die uns angeblich ein so bequemes Leben beschert. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: Unsere Welt ist so kompliziert geworden, dass wir für das Wesentliche keine Zeit mehr finden. Das Internet erspart uns keine Zeit, sondern nährt unsere Wünsche nach materiellem und geistigem Konsum, nach Ablenkung und Unterhaltung. Wir wenden immer mehr Zeit auf Technologie auf und müssen immer mehr Bürokratie befolgen, die uns knechtet und unfrei macht. Wir haben von jedem Gegenstand zu viel, so dass wir in den Dingen ertrinken. Der Stress der Erledigungen und Aufgaben, die sich immer mehr häufen, je mehr wir vom Leben wollen, lässt uns nicht mehr zu uns selbst finden. Niemals zuvor hatten die Menschen so wenig Zeit, zu sich zu kommen und den spirituellen Kosmos zu spüren, der sie umgibt. Sie ertrinken in einem Meer von Trivialität und wollen es nicht merken, weil sie dann die Angst überfällt, keinen Boden unter den Füßen zu haben. Dadurch entsteht die Entfremdung vom Kosmos und Verleugnung der Schuld, die wir auf uns laden.

Tatsächlich ist unser Lebensstil voller Sünde. Aber nicht, weil er nicht den Geboten entspricht, die jemand in alten Schriften als den vorgeblichen Willen Gottes definiert hat, sondern weil er die ewigen spirituellen Gebote des Schutzes des Lebens und der Verhinderung des Leidens Anderer missachtet. Unsere Lebensweise versündigt sich an der Natur, den Tieren und Pflanzen, und dem ganzen Planeten, den wir bewohnen, und ist dabei, ihn restlos zu zerstören. Die Zahl der Tiere, die hier leben, ist in den letzten 50 Jahren schon um zwei Drittel gesunken. Die Geister der Natur, ihre Tiefendimension, wird von uns missachtet und verlacht. Wir versündigen uns damit zugleich gegenüber unseren Kindern und Enkeln, die eine verwüstete Erde vorfinden werden, für deren Erhalt wir verantwortlich wären. Wir hier im Nordwesten der Erde versündigen uns aber auch gegenüber der großen Mehrheit unserer menschlichen Brüder und Schwestern, die in wirklicher Armut lebt und bald von Wassernot und anderen Naturkatastrophen betroffen sein wird. Zu der Geistlosigkeit und Seelenlosigkeit unseres Lebensstils kommt also eine immer verbrecherischer werdende Skrupellosigkeit hinzu, die ein Klima von Hass, Angst und vergiftetem Miteinander schafft. Das schlimmste daran aber ist der heute sehr weit verbreitete Wahn, dass es zu diesem unserem Leben keine Alternative gibt.

Dagegen hilft nur das Aussteigen aus der Mühle der gesellschaftlichen Zwangsvorstellungen. Aber nicht jeder mit wahrer spiritueller Begeisterung kann Mönch oder Nonne werden. Nicht jeder ist zum Ökobauern oder Eremiten geboren. Deshalb muss es (solange es kein bedingungsloses Grundeinkommen gibt) möglich sein, Pilger zu sein und dennoch einem redlichen Lebenserwerb nachzugehen. Der Pilger wird zum Pilger, indem er immer wieder neue Orte zu seiner Heimat erklärt oder immer wieder für längere Zeit auf Pilgerreise geht oder indem er genügend Zeit neben der Arbeit ausspart, in der er Tag für Tag seinem spirituellen Weg nachgeht. Obwohl das Pilgern im Pilgerorden eher als eine innere denn als äußere Bewegung zu verstehen ist, ist die äußere Ortsveränderung eine wichtige spirituelle Methodik, um sich des Pilgercharakters des ganzen Lebens bewusst zu werden. Jeder Mensch in unserer Gesellschaft sollte einmal in seinem Leben für einige Monate pilgern, und zwar nicht in der Weise, wie es heute viele machen - auf den sicheren, touristisch voll erschlossenen Pfaden des Jakobswegs-, sondern auf eine viel einfachere und schwierigere Weise: indem man einfach drauflosläuft und sieht, wo man landet. Der äußere Weg und der innere – das Gefühl, die Intuition – können sich nur verbinden, wenn man einfach das aufnimmt, was kommt, und sich frei in das Abenteuer des ungebundenen Lebens stürzt. Pilgern geschieht, indem man sich von einem Bauern ein Stück des Weges mitnehmen lässt, unter einem Birnbaum schläft, dann bei netten Leuten in einem kleinen Dorf aufgenommen wird, wenn man wie ein Vagabund unterwegs ist, aber im Unterschied zum Vagabunden ein inneres Ziel verfolgt: das des persönlichen, des inneren Fortkommens.


Wie wird aus einer Wanderung eine spirituelle Reise?

Wenn man auf eine reale Pilgerreise geht, sollte man dabei mit allem abschließen, was einen an diese Welt bindet: das Handy nicht als Mittel zur Kommunikation mit dem Partner, Verwandten und Freunden nutzen, sondern nur für Notfälle; kein Smartphone, kein Radio, keinen Musikplayer zur Ablenkung oder Information benutzen, sondern auf die Natur und die Menschen und Gegebenheiten lauschen; nicht an bestimmten Gewohnheiten, was Bequemlichkeit und Kosmetik angeht, hängen, sondern sich davon freimachen; die Angst vor der Wildnis und den Tieren überwinden und hin und wieder auf der Reise draußen übernachten; keine ausufernde Lektüre und keinen Smalltalk pflegen, sondern innerlich still werden, im Sitzen meditieren, im Gehen innerlich schweigen und die Sinne achtsam nach außen richten und in der Begegnung mit anderen sich als Botschafter, als Abgesandter des Heiligen Geistes sehen, nicht als Plauderer, der sich für Politik und Sportergebnisse interessiert; sich dem Göttlichen anvertrauen und nicht so sehr einer Landkarte (oder gar einem Navi) oder einer anderen Person; vor jeder Etappe zum Göttlichen beten und sich das Ziel vergegenwärtigen, das in der Annäherung des Eigenen an die Tiefe des Kosmos besteht, im Fallenlassen des Egos, das uns daran hindert, uns als Teil des einen Göttlichen, des Buddha in uns, des Brahman zu begreifen.

  1. Das Alte zurücklassen: Sobald wir unser Zuhause verlassen und uns auf die Reise machen, lassen wir unser gewöhnliches Selbst zurück (unsere Rolle im Alltag, unsere Gewohnheiten, unsere Anhaftungen, unsere Identifikation). Wir sollten sogar vorher unser Testament machen und uns von jeder Verpflichtung lossagen. Der Moment, in dem wir die Türschwelle unseres Hauses überschreiten, ist ein heiliger Moment, in dem wir eine Widmung sprechen sollten ("Die Reise hat begonnen. Möge ich als wahrer Pilger zurückkehren!"). Es ist unser erkärter Vorsatz, alle Konditionierungen in den Fluss der gegenwärtigen Ereignisse hinein zu befreien. Alles, was uns unfrei macht, unser eigentliches Sein zu erleben, wird auf dem Weg immer mehr zurückgelassen werden.
  2. Das Ziel im Sinn behalten: Das Ziel der Wanderschaft ist nicht ein geographischer Ort, sondern ein Ort im Inneren. Wir sind unterwegs, um uns selbst immer näher zu kommen. Es ist nicht wichtig, wo wir uns äußerlich befinden, sondern in welchem inneren Zustand. Das Ziel des Weges ist unser eigenes höheres Selbst. Wir wollen nicht als dieselben heimkehren als die wir ausgezogen sind. Das ist das Ziel, das wir während der gesamten Reise im Sinn behalten wollen.
  3. Meditation und Gegenwärtigkeit: Während wir gehen, unterhalten wir uns nicht. Wir reden nur, wenn es nötig ist. Stattdessen befinden wir uns im Zustand der Meditation (dafür gibt es viele Möglichkeit: reine Achtsamkeit, Zen [Kinhin], Dzogchen [offene Weite, Gedankenruhe, Rigpa], Mantra/Herzensgebet oder Tantra/Energiearbeit). Der zentrale Geisteszustand ist der der Gegenwärtigkeit: Mit allen Sinnen ganz da sein, ganz offen (im Gegensatz zu "in Gedanken sein"). Unterhalten kann man sich, wenn man rastet.
  4. Wie innen, so außen: Wir folgen einem vorgegebenen Weg nicht blind. Wir suchen immer auf die Antwort aus unserem Inneren auf die äußeren Gegebenheiten und die äußere Antwort auf unsere inneren Gegebenheiten (= "Connexio", Verbindung mit dem Kosmos; das Erkennen von Zeichen). Wenn wir nach dem Weg suchen, prüfen wir erst die äußerlichen Gegebenheiten. Dann aber entscheiden wir uns nicht nach ihnen, sondern indem wir unsere Intuition aufsuchen.
  5. Fügung als Führung: Wir weisen neue Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnisse nicht zurück, sondern heißen sie willkommen. Wir lassen Zufälliges und Unvorhergesehenes geschehen und freuen uns daran. Wir verhalten uns gegenüber anderen Lebewesen, die uns auf dem Weg begegnen, freundlich, offen und gütig. Wir sehen sie als Abgesandte an, deren Botschaft wir zu lesen versuchen. Wir sehen uns selbst als Botschafter für sie an.
  6. Hingabe an den Schicksalsmeister (Spielplan): Alles, was uns widerfährt - auch das Negative-, sehen wir als Aufgabe und Herausforderung an, nicht als Provokation und Übel. Wir verhalten uns demütig gegenüber Schwierigkeiten und zeigen keine negativen Gefühle ihnen gegenüber. Wir wissen, dass alles uns innerhalb des Quests unseres Hierseins als Übung aufgegeben ist und jede unserer Reaktionen uns weiter führt oder in unserer Entwicklung zurückwirft. Weder zornig noch traurig, weder ausgelassen noch übermütig verweilen wir in Duldemut, Hingabe an den göttlichen Willen und Gelassenheit.
  7. Überwinden des Egos: Wir fordern keinen Komfort, keine unnötigen Erleichterungen und keinen Luxus. Wir suchen das Einfache, Unkomplizierte, Natürliche. Alles, was uns nicht bequem ist und nicht gefällt, nutzen wir, um unser eigenes Ego abzutöten, indem wir die Grenzen des Zumutbaren immer weiter hinausschieben. Wir fürchten uns nicht davor, wir könnten unter etwas leiden, denn es gibt nichts zu fürchten. Alle Erfahrungen sind Teil des göttlich geordneten Kosmos und wir legen unseren Widerstand gegen sie ab. Wir streben danach, dass uns jede Erfahrung als von ein und demselben Geschmack erscheint.


Wie wird man Viator/Viatorin?

Viatoren tragen in sich die tiefe Sehnsucht, die Gegebenheiten dieser Welt zu transzendieren. Sie sind erfüllt von dem Wunsch, spirituelle Wahrheit zu erfahren und das Heilige in sich selbst zur Reife zu bringen. Wahrhaft kann nur einer Viator sein, der dem Weg zu diesen Zielen mit Eindeutigkeit und authentischer Motivation folgt. Viator/in wird man nicht durch Mitgliedschaft, denn der Viatorenorden hat keine feste Struktur. Man wird Viator/in, indem man sich zu einer freien Spiritualität jenseits der verkrusteten Strukturen etablierter Religionen bekennt. Man beginnt, seinen Lebensstil nach dieser inneren Hinwendung zum Heiligen (dem Numinosum; Rudolf Otto) auszurichten. Man entschließt sich, das Leben als eine Pilgerschaft anzusehen. Man erfährt seine Einweihung in den Ordensstand, indem man auf eine konkrete Pilgerreise geht, jenseits der ausgetretenen Pfade, sich mit dem Leben und sich selbst konfrontierend. Man lernt, das Leben als Ausdruck des Göttlichen zu betrachten und alles als Zeichen auf dem Weg, als Geschenke des Göttlichen zu werten, jeden Menschen und jedes Tier und jedes Ereignis, das dir begegnet; nicht stehen zu bleiben, sondern weiter zu gehen, auch in der inneren Entwicklung, nicht bei einem Glauben, einer Lehrmeinung hängen zu bleiben, sondern alles in die eigene Lebenswirklichkeit, in die persönliche Erfahrung hinein zu vertiefen, zu durchleben.

Viator/Viatorin zu sein erfordert viel Mut. Es ist viel leichter, sich in den Sinngebungsversuchen der Mehrheitsgesellschaft mittreiben zu lassen und nach Bequemlichkeit, Karriere oder bloßem Unterhaltenwerden zu trachten. Es gehört viel Mut dazu, für die Dauer einer Pilgerreise oder ein ganzes Pilgerleben lang nach anderen Zielen zu streben. Es gehört noch mehr Mut dazu, wenn man sich außerhalb der Bahnen der etablierten Religion bewegt, wenn man die Gottesdienste, die Dogmen, die Theologen und Einrichtungen der etablierten Religion nicht für sich nutzen mag, weil man sie als einengend und das Göttliche ungerechtfertigt definierend betrachtet. Es erfordert Mut, sein Leben auf ein spirituelles Ziel auszurichten, von dem einem kein Priester sagen kann, wo es liegt. Allenfalls kann das einer, der den Weg bereits gegangen ist, aber gehen muss man ihn anschließend selbst. Und doch ist es viel besser, endlich einmal mutig zu sein, als sich ein Leben lang über die Sinnlosigkeit des Daseins zu beklagen.


Was tut eine Viatorin / ein Viator?

Das Motto der Viatorinnen und Viatoren lautet: "Geh deinen eigenen Weg". Daraus wird schon deutlich, dass es immer darum geht, einen der Individualität jedes Wesens angemessenen spirituellen Pfad zu finden. Dieses Suchen und Finden ist die lebenslange Aufgabe von jeder und jedem selbst. Aber es gibt eine weite Palette an Hilfsmitteln, Methoden und Praktiken, die die tieferen (esoterischen, mystischen) Teile der religiösen Traditionen bereitstellen und von denen der Einzelne diejenigen für sich erkennen muss, die für sein temporäreres Sosein am hilfreichsten erscheinen. Viatorinnen und Viatoren sollten eine Form der Meditation oder spirituellen Praxis erlernen, in der sie sich regelmäßig üben. Am besten wäre es, ein erfahrener Lehrer würden ihnen die für sie passenste Technik beibringen, aber die wenigsten heutigen spirituellen Lehrer versuchen die Bedürfnisse ihrer Schülerinnen zu erkennen und ihr Angebot danach auszurichten. Die meisten lehren jedem das, was sie selbst gerade gut finden und beherrschen. Dabei gibt es eine große Vielfalt spiritueller Wege.


Man kann eher körperlich meditieren, mit bestimmten Atem- oder Bewegungstechniken (z. B. Yoga, QiGong) oder rein geistig (z. B. Dzogchen oder Zen: Shikantaza), imaginativ oder mit dem Energiesystem (z. B. Tantra). Man kann ein Koan benutzen, um die Logik auszuhebeln, oder ein Mantra, um die Gedanken zu beruhigen (auch das Herzensgebet oder der Rosenkranz gehören hierher). Man kann eher nach innen (konzentrative Meditation) oder mit allen Sinnen meditieren (Achtsamkeit, Vipassana). Man kann in die Ekstase oder das starke spirituelle Gefühl gehen (spanische Mystik, Bhakti Yoga), ganz das Begreifen und die Erfahrung der spirituellen Weltordnung anstreben (Jñana Yoga, Rosencreutzer) oder Gefühl und Bewegung kombinieren (Mevlana-Derwische). Man kann versuchen, den Geschmack der Welt zu reduzieren (Abschottung der Sinne im Raja-Yoga, Askese) oder ihn zum Explodieren zu bringen (Osho-Tantra). Man kann die Erfahrung anderer Welten zum Pfad machen (Schamanismus, Mediumismus) oder die hiesige Welt als Übungsfeld ernst nehmen und sich in Altruismus und Selbsthingabe schulen (Karma-Yoga, Weg der hingebungsvollen Nächstenliebe). Es gibt ungeheuer viele Wege und sie alle führen zu spiritueller Erfahrung, wenn sie für dich geeignet sind. Und die eigene Erfahrung ist das einzige, was für dich letztlich zählt, das einzige auch, das einer philosophischen Analyse von Wirklichkeit (d. h. "das, was wirkt", vgl. William James, sowohl sein Pragmatismus als auch seine Psychology of Religions) standhält. Lehrer sind dabei sehr nützlich, aber wenn du dich alleine auf den Weg machen musst, kaufe dir gute Einführungen in verschiedene Formen wirklicher spiritueller Pfade, verschiedene Arten traditioneller Meditation und authentischer spiritueller Praxis und übe dich darin ohne Unterlass. Das ist es, was eine Viatorin, ein Viator vor allem tut.


Darüber hinaus ist die spirituelle Praxis der Viatorinnen und Viatoren vor allem auf die Integration von äußerem und innerem Leben ausgerichtet. Die Mystik wird "exteriorisiert" heißt es bei ihnen. Das bedeutet: Das Innere wird in Übereinstimmung mit dem Äußeren, das Äußere mit dem Inneren zu bringen versucht, so dass man nicht in einem Widerspruch mit sich selbst lebt und dass man den Kontakt (die "connexio") mit dem Fluß des Lebens erhält. Diese Übung ist die Integration stiller Meditation und Handeln, von Denken und Fühlen, von höherer und irdischer Wirklichkeit. Sie ist nur mit viel Übung möglich, erfordert die Technik der Achtsamkeit (die für Buddha Shakyamuni die zentrale Übung seiner Mönche und Nonnen war) und die Möglichkeit, den Wirwarr der Gedanken zu beruhigen und zum Schweigen zu bringen, ohne in andere Welten abzudriften und diese Welt nicht mehr wahrzunehmen. Oder - wie Meister Eckhart meinte - wir sollten ständig der Gegenwart Gottes in unserem Gefühl gewahr sein.



Woraus bezieht der Ordo Viatorum seine spirituelle Legitimation?

Die abrahamitischen Religionen erwarben sich ihre Legitimation im Wesentlichen aus dem Respekt vor den Autoritäten. Weshalb aber diese Autoritäten als solche angesehen werden, ist - wie man heute sagt - eine "Frage des Glaubens". Wir leben aber in einem neuen Zeitalter. Die heutigen Werte - weltanschaulicher Pluralismus, Gleichheit aller Menschen und aller Lebewesen überhaupt (universale Egalität), postaufklärerische Vernunft - sind mit dem Glauben an eine Autorität ohne nähere Begründung kaum mehr vereinbar. Aber es gibt zeitgemäße, vernunftgemäße Gründe für die Legitimation spiritueller Lehren. Den wesentlichen Grund hierfür nennen wir qualifizierte Erfahrung. Viele erkenntnistheoretische Positionen betonen, dass wir gar kein sicheres theoretisches Wissen haben können. Persönliche, subjektive Erfahrung ist die einzige sichere Grundlage von Erkenntnis. Wir können nur sicher sagen, was wir selbst erfahren haben - ohne allerdings wissen zu können, ob es sich um eine Abbildung äußerer oder innerer Wirklichkeit oder einen Irrtum, eine Psychose handelt. Qualifiziert ist eine persönliche Erfahrung, wenn wir Wirklichkeitskriterien besitzen.


Im Falle spiritueller Erkenntnis ist es das gleiche: Es gibt keine einzige objektiv wahre Aussage über Gott oder eine spirituelle Wirklichkeit. Alle diese Aussagen sind gefiltert durch Personen und die Sprache, durch das Verständnis des Hörers und durch die Beschaffenheit der menschlichen Psyche überhaupt. Alle diese Aussagen sind also nur subjektiv wahr. Aber sie können mehr oder weniger wahr sein. Qualifiziert sind sie dann, wenn sie inter-subjektiv prüfbar sind. Viele Menschen, die sich auf einen persönlichen spirituellen Pfad begeben, machen ähnliche Erfahrungen. Man kann also behaupten, dass sie einander gegenseitig bestätigen (ohne an dieser Stelle im Detail auf die verschiedenen Kriterien und Schwierigkeiten inter-subjektiver Erkenntnis einzugehen). Außerdem sind Aussagen von Experten qualifizierter als die von weniger erfahrenen Personen. Wer sehr lange und sehr intensiv meditiert hat und die spirituelle Wirklichkeit in sich sucht, hat mit größter Wahrscheinlichkeit sicherere Erfahrungen als ein Anfänger. Zudem ist eine qualifizierte Erfahrung eine solche, die mit den aus vielen Erfahrungen abgeleiteten Allgemeinaussagen (Theoremen) gut in Übereinstimmung zu bringen ist.


Anders gesagt: Eine spirituelle Lehre ist dann wahr, wenn du dich selbst, persönlich auf den Weg machst, sie zu überprüfen, und sie dich auf deinem Weg weiterbringt. Wenn sie deiner Erfahrung entspricht. Wenn du von anderen weißt, dass sie diese weitergebracht hat und mit deren authentischer Erfahrung übereinstimmt. Wenn sie widerspruchsfrei (auf einer höheren Ebene des Denkens) das zusammenfasst, was du aus verschiedenen Traditionen an spirituellem Wissen und Weisheit vernommen hast. Letztendlich gibt es noch eine spirituellere Sichtweise auf die Legitimation einer Lehre: Wenn du die Führung von oben und die Fügungen deines Lebens nicht übersiehst, sondern ihnen folgst; und wenn du sie nicht vergisst, sondern sie integrierst, dann wirst du immer reifer in deiner Gewissheit darüber, nach welchen Gesetzen die spirituelle Welt funktioniert. Mach dich auf den Weg, dich führen zu lassen, wie ein Wissenschaftler, der durch jede Erfahrung mehr Wissen darüber erlangt, wie die Tiefenstruktur der Welt beschaffen ist. Das ist die Via Viatorum: Die Wissenschaft vom Numinosen, wie sie nur jede(r) einzelne und alle gemeinsam betreiben können. Wer nur nachbeten will, was andere herausgefunden haben, kann kein Viator, keine Viatorin sein. Wenn in einigen Jahrzehnten allerdings die Wissenschaft vom Spirituellen so weit sein wird, dass man ihre Ergebnisse veröffentlichen wird, dann kannst du als Gläubiger einer neuen, universalen Religion deinen bequemen Weg des Konsumierens fremder Wahrheit fortsetzen. Ein Teil des Weges der Pilgerinnen und Pilger bist du dadurch aber noch nicht.






Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Vorschläge für eine Ausrichtung des Lebens auf die innere Pilgerschaft:



Kontakt: mail[at]ordo-viatorum.de (Ersetzen Sie [at] durch @ und kopieren Sie die Emailadresse in die Adresszeile Ihres Email-Versenders)