Zeitgemäße Erläuterungen zur Ordensregel


 

Ad 1. Der Orden

Der Pilgerorden ist nichts als der Name für die Gemeinsamkeit von Frauen und Männern, die sich einer gemeinsamen Regel unterwerfen. Das Ziel des Viators ist es, frei zu sein von der Welt, die ihn umgibt, und offen zu sein für seine transzendente Heimat. Um diese beiden Bedingungen miteinander in Einklang zu bringen, bedarf es einiger besonderer Maßnahmen, denn weder schützt ihn die Abgeschiedenheit des Klosters vor den unheilsamen Einflüssen der diesseitigen Welt, noch kann er seinen gesellschaftlichen Status als Vertreter einer Religionsgemeinschaft nutzen, um in aller Offenheit seiner spirituellen Bestimmung zu leben. Wie ein Parzival auf der Suche nach dem heiligen Gral benötigt er geistiges Rüstzeug in einer Welt voller Abenteuer und Gefahren. Seine Schutzschilde, seine Waffen und seine Rüstung müssen deshalb von besonderem spirituellem Stoff sein, und das sind sie: Seine Rüstung ist die Identifikation mit seiner Ordenszugehörigkeit, sein Schutzschild ist das Ritual und seine Waffen sind die Lehren, Erfahrungen und Methoden, die er in der täglichen Übung zu meistern und vollkommen zu beherrschen trachtet.



Ad 2. Der Name

Wieso wird im Pilgerorden Latein als offizielle Sprache benutzt? Latein war im Abendland 2.000 Jahre lang die Sprache der Gebildeten und die internationale Verkehrssprache. Der Viatorenorden ist auf dem Boden der abendländischen Kultur für Menschen errichtet, die in diesem kulturellen Umfeld zuhause sind. Obwohl fernöstliche spirituelle Systeme entwickelter sind und der westliche Sucher deshalb heute nicht mehr auf sie verzichten kann, sollte er sich auch seiner eigenen Wurzeln bewusst bleiben und sie nicht verurteilen oder verleugnen. Viatoren benutzen für ihre typischen Begriffe deshalb die Sprache, die sie normalerweise sprechen - oder ihre lateinische Form, welche die Verbundenheit mit dieser kulturellen Tradition ausdrückt.

 

Ein häufig gebrauchter Ausdruck ist das Wort „Wesen“. Diese Übernahme aus der buddhistischen Terminologie dient als Kurzbezeichnung für alle bewusstseinsfähigen Individuen, seien diese Menschen, Tiere, Götter, Engel, Dämonen oder dergleichen. Eine wichtige Unterscheidung in diesem Paragraphen betrifft auch Pilger und Vagabunden. Vagabunden sind Personen, die keinem spirituellen Pfad folgen, sondern spirituelle Lehren wie Ablenkungen konsumieren und sich an kein Ziel wirklich binden, um ihm konsequent nachzufolgen. Pilger werden zwar auch zuweilen den Kurs ändern, aber nur weil Hindernisse sie einen anderen Weg zu ihrem einen und einzigen Ziel führen.

 

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Bezeichnungen für die Ordensangehörigen, für den transzendenten Meister und den Orden selbst oft in der männlichen Form stehen, weil diese aus kulturellen Gründen in vielen Sprachen rein grammatikalisch für beide Geschlechter gilt, während die weibliche Form als spezieller Unterfall gewertet wird. Der Name Pilgerorden (statt „Pilgerinnen- und Pilgerorden“) oder ähnliche Formulierungen stehen deshalb stets für alle denkbaren Geschlechter, deren Unterscheidung für den Pilgerorden keine Bedeutung besitzt.



Ad 3.Die Organisation

Alle Religionen der Erde existieren in einer mehrfachen Form. Vor allem sind sie einerseits Lehrsysteme, andererseits soziale Organisationen mit vielfältigen politischen Funktionen und Verstrickungen, die im Laufe ihrer Geschichte immer wieder heilsame und unheilsame Einflüsse auf die ihnen unterworfenen Menschen ausübten. Der Ordo Viatorum ist weder eine Religion noch Teil einer Religion. Er ist nicht einmal eine Organisation. Denn dazu bedürfte es bestimmter interner Strukturen und externer Funktionen. Beides besitzt der Orden nicht. Er ist dadurch völlig frei von jeder Verstrickung in weltliche Hierarchien, politische und soziale Systeme. Niemand soll Viator sein, um ein gutes Ansehen zu genießen, um Macht auszuüben oder Besitz zu verwalten, wie es bei allen religiösen Gemeinschaften die Gefahr ist. Wenn es heißt, es gibt keine Hierarchien (übersetzt: „heilige Führung“), dann ist das wortwörtlich zu verstehen. Es gibt keine Ordensmitglieder, die als Führer für den ganzen Orden fungieren und als solche verehrt werden. Verehrung genießen Personen eventuell nach ihrer spirituellen Reife, nicht aufgrund von Titeln oder Rängen, die der Orden nicht kennt.

 

Das Verbot jeglicher Organisation geht laut der Pilgerregel sogar so weit, dass gemeinsamer Besitz, Niederlassungen und Infrastruktur ausgeschlossen sind. Darunter ist nicht zu verstehen, dass es Viatoren untersagt ist, gemeinsam zu leben und ihren Besitz zu teilen oder sich in angemieteten Versammlungsräumen zu treffen, wenn sie dies wünschen und es diskret tun. Erwerben sie dazu Besitz, dann gehört dieser einem von ihnen, ihrer Gemeinschaft oder einem Verein, niemals aber dem Orden oder einer Institution, die einen Teil oder die Gesamtheit des Ordens rechtlich vertritt. Solche Konstruktionen sind unzulässig und führen auf Umwegen dazu, dass eine Organisationsstruktur aufgebaut wird, die nach diesem Paragraphen verhindert werden soll, um die Besonderheit des Ordens als lebendige menschliche Gemeinschaft in Bewegung nicht in der Erstarrung bürokratischer Strukturen zu ersticken.



Ad 4. Mitgliedschaft

Viatoren gehören keiner Organisation an, denn der Orden ist keine Organisation, die auf dieser Welt gebildet ist. Wie also kann jemand auf dieser Welt dem Pilgerorden beitreten? Er oder sie kann es nicht, es ist unmöglich. Entweder er wurde aufgrund der Entwicklung seiner Spiritualität und aufgrund seines Anteils an unserer spirituellen Heimat bereits von dort in den Pilgerorden gestellt oder er wurde es nicht. Es geht also niemals darum, eine Person in den Orden aufzunehmen, sondern darum, sie als Mitglied des Ordens zu erkennen und sie dann in die Ordensdisziplin einzuführen, wenn sie selbst dies wünscht.

 

Ebenso wie niemand von Menschen in den Orden aufgenommen werden kann, kann niemand von Menschen aus dem Orden entlassen werden. Ein Ausschluss ist nicht möglich, was bedeutet, dass es nicht möglich ist, dass irgendeine Versammlung von Viatoren (ein Tribunal) oder einzelne Viatoren eine andere Person, die einmal eingeführt wurde, von der Ordensmitgliedschaft ausschließen. Allerdings ist es möglich, dass andere Viatoren einen Viator nicht mehr als einen der ihren ansehen und dies anderen bekannt machen. Dies darf aber nur durch Mitteilung eines Pilgers an einen anderen geschehen, nicht durch Rundschreiben oder öffentliche Bekanntmachungen.

 

Obwohl diese Vorschrift aus den übrigen Grundsätzen des Ordens notwendig resultiert, birgt sie die Gefahr von Spaltungsprozessen. Eine Gruppe könnte einen Viator als solchen anerkennen, eine andere ihn ablehnen. Allerdings sind solche Spaltungsprozesse innerhalb des Ordens unwesentlich. Wer sich zu allen Grundsätzen dieser Ordensverfassung und der Gelübde bekennt, ist Viator. Wer eine andere Gemeinschaft gründet, hat eine andere Gemeinschaft begründet, die mit den Viatoren nichts zu tun hat. Da der Orden keine Organisation besitzt, sind Kämpfe um die formelle Ordensführung oder -struktur ohnehin ausgeschlossen. Dennoch sollten alle Pilger sich klar vor Augen halten, dass auch informelle Führungskämpfe eines Pilgers unwürdig sind und dem Geist des Ordens entgegenstehen.



Ad 5. Das Verhalten der Viatoren unter­einander

Praktizierende Viatoren sind keine von der Führung anderer abhängige spirituelle Kinder, sondern selbständig denkende und ihren spirituellen Weg gehende Persönlichkeiten und als solche von allen anderen Viatoren zu behandeln. Nur in dem Fall, dass ein Viator einen anderen freiwillig als seinen Lehrer akzeptiert, geht er damit die besondere Verpflichtung ein, dessen Anweisungen nachzukommen. Das ist vergleichbar dem Verhältnis eines Bergsteigerlehrers zu seinen Schülern: Weil das Bergsteigen gefährlich sein kann, wenn die Schüler nicht tun, was der Lehrer verlangt, ist hier Demokratie nicht die richtige Entscheidungsform. In allen Fällen aber sehen Viatoren in allen anderen die Manifestation des Göttlichen. Dies ist konkret und nicht metaphorisch aufzufassen, was bedeutet, dass sie stets in den Äußerungen und Handlungen ihrer Pilgerfreundin oder ihres Pilgerfreundes nach den Anzeichen der Offenbarung des Göttlichen suchen und sich daran erfreuen. Dies gilt auch für den Monostibes gegenüber einem Sucher.

 

Viatoren sollen sich gegenüber allen Wesen respektvoll und gütig verhalten. Anderen Viatoren gegenüber aber haben sie eine besondere Verpflichtung, die sich aus der Gemeinsamkeit des Zieles herleitet und der Notwendigkeit, sich auf Freunde verlassen zu können. Deshalb ist der Schutz dieser Vertrauenswürdigkeit besonders wichtig. Viatoren, die sich nicht als vertrauenswürdig erwiesen haben, werden folglich mit den einzigen beiden Sanktionen belegt, die der Orden besitzt: der Ermahnung und der persönlichen Aberkennung des Pilgerstatus. Die Ermahnung erfolgt jedoch – da Überordnung nicht existiert – niemals herablassend und autoritär, sondern indem der Andere zum Nachdenken über die spirituellen Folgen seines Tuns motiviert wird. Der hier in der Regel gebrauchte Ausdruck der „metaphysischen“ Folgen soll darauf hindeuten, dass es jenseits der gewöhnlichen Naturphänomene, aber auch jenseits der sozialen und psychologischen Ebene, also in der Tiefe oder der transzendenten Welt Konsequenzen jedes Handelns gibt, die weiter reichen als nur für dieses eine Leben.

 

Viatoren können sich darüber hinaus bestimmter Gebräuche bedienen, etwa sich zu begrüßen, indem der Hereinkommende spricht: „Via tua per lucem ducat!“ („Dein Weg möge durch das Licht führen“) und der Andere antwortet: „Tuaque ad inanitam!“ („Und der Deine in die Leerheit!“). Viatoren nennen einander Freund und Freundin (Amicus und Amica) oder Weggefährte (Comes; für beide Geschlechter).



Ad 6. Geheimhaltung

Die Geheimhaltungsregel bezieht sich ausdrücklich nicht auf die Existenz des Ordens oder sein Programm, weil es diesbezüglich nichts zu schützen gibt. Jedoch gibt es gute Gründe, warum niemand befürchten soll, öffentlich in einer Liste von Ordensangehörigen zu erscheinen und auch, weshalb er sich selbst nicht öffentlich als Viator bezeichnen soll. Die Gründe werden in der Regel direkt benannt. Es handelt sich beim Viatorenorden um eine Gemeinschaft, die streng und ausschließlich spiritueller Praxis und Weiterentwicklung ihrer Mitglieder dient und keinem sozialen oder politischen Zweck. Jede öffentliche Funktionalisierung wäre dieser Zielsetzung hinderlich. Geschieht eine solche dennoch, so kann man sich sicher sein, dass derjenige, der öffentlich in solcher Weise spricht, kein echter Viator ist.

 

Dennoch gibt es eine Ausnahmeklausel, die sich in die Worte kleidet, dass besondere Umstände eine Aufhebung der Geheimhaltung rechtfertigen könnten. Diese Klausel ist keinesfalls als die Erlaubnis zu werten, jeden Umstand als einen besonderen zu rechtfertigen. Im Gegenteil: Besondere Umstände sind solche, die sich außerhalb der vorhersehbaren Normalität befinden. Dabei könnte es sich um einen besonderen Notstand handeln oder um eine Lage, in der die Veröffentlichung der eigenen Ordenszugehörigkeit zwar anderen Nutzen bringt, nicht aber dem Betreffenden selbst und andererseits dem Orden keinen Schaden zufügt.



Ad 7. Die Religionen

Es ist nicht nötig, irgendeiner Religion anzugehören, um Viator zu sein. Umgekehrt ist es aber auch nicht hinderlich. Selbst Personen, die in einer Religion eine offizielle Funktion bekleiden, vielleicht Geistlicher sind, können dem Orden angehören. Der Orden steht nicht in Konkurrenz zu den Religionen, aber er nimmt diesen auch nicht ihre Aufgabe ab, für die Bewahrung der Eindeutigkeit ihrer Lehre zu sorgen. Der Orden ist beseelt von der umfassenden Idee spiritueller Wahrheit in allen Weltteilen, in allen Religionen dieser Erde und vor allem in ihren esoterischen Zweigen. Er will diese Wahrheit aus der Vielfalt ihrer Ansätze immer wieder neu herausdestillieren und die jeweils neu
amalgamierten Essenzen den Bedürfnissen neuer Zeitalter zur Verfügung stellen.

 

Damit dieser Prozess gelingt, ist jeder Pilger aufgefordert, auf zweierlei besondere Aufmerksamkeit zu lenken: Erstens, dass er alle spirituellen Traditionen achtet und sich als Teil der weltweiten Gemeinschaft spiritueller Pilger mehr denn als Teil einer einzigen Religion betrachtet. Seine Verbundenheit gilt der göttlichen Wahrheit im Kern aller Traditionen und nicht der einen Religion, die er selbst eventuell praktiziert. In allen Religionen gibt es aber naturgemäß auch Abgrenzendes, das sie von anderen Religionen deutlich unterscheidet und manchmal auch solches, das andere Traditionen abwertet und Exklusivansprüche erhebt. Dieses Abwertende kann nicht in das Destilliergefäß des Ordens gefüllt werden und sollte von Pilgern kritisch betrachtet werden.

 

Zweitens aber sollten sich alle Pilger darum bemühen, dass sie den tiefen Gehalt der spirituellen Lehren niemals verwässern und vereinfachen oder Falsches, Schädliches hinzufügen. Nichts kann ein größerer Gegensatz sein als die Verflachung, Verdünnung oder Verschmutzung einer tiefen Lehre und der Prozess der Destillation der Wahrheit zur besten spirituellen Essenz, wie die Viatorenregel sagt. Niemals sollte ein Pilger beides miteinander verwechseln. Übrigens besteht ein nicht in der Regel ausgesprochenes Geheimnis darin, dass der Viatorenorden sich auflösen müsste, falls er einmal sein Ziel erreicht. Denn wenn die beste denkbare Essenz aller spirituellen Traditionen gefunden werden sollte, kann an der Viatorenregel nicht mehr festgehalten werden, welche eine einzige wahre Lehre doch explizit verneint.



Ad 8. Die gemeinsamen Lehren

Der Begriff Dogma bezeichnet einen Glaubenssatz, der für Andere als verbindlich erklärt wird. Viatoren beschäftigen sich nicht mit Glaubenssätzen, sondern mit Erfahrungsreligiosität und diese wird durch die Erfahrungen von Menschen und deren unmittelbarer Reflexion und nicht durch das gebildet, was Generationen von Theoretikern gemutmaßt haben. Dass es kein Dogma geben soll, weil die Erfahrungsgrundlagen der Religionen wichtiger sind als deren theoretische Weiterverarbeitung zu Glaubenssätzen, ist natürlich selbst ein Glaubenssatz und insofern ein Dogma. Deshalb heißt es an dieser Stelle treffend, dies sei das einzige Dogma des Pilgerordens. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht an Glaubenssätzen festhalten dürfte, die einem selbst einen persönlichen Nutzen bringen. Die Existenz eines Numinosen anzunehmen, ist für alle, die noch keinerlei Numinosität erfahren haben, bereits ein notwendiger persönlicher Glaubenssatz, ohne den keine spirituellen Bemühungen und infolgedessen auch keine spirituellen Erfahrungen gemacht werden.

 

Daraus folgt, dass es keine inhaltlichen Festlegungen gibt, was Viatoren zu glauben und welcher Spiritualität sie zu folgen haben. Viatoren sind durch diese Vorschrift zur Dogmenfreiheit aber umgekehrt nicht darin beschränkt, ihre eigene Form von Spiritualität zu lehren – auch öffentlich – und es ist sogar möglich, dass Viatoren theoretische Abhandlungen und für die Schüler des Ordens Empfehlungen verfassen, welche Lehrer und welche Literatur dem spirituellen Fortschritt dienlich zu sein scheint. Dabei kann es sich allerdings nur um Empfehlungen handeln: Niemand darf für sich in Anspruch nehmen, die Viatorenspiritualität an sich zu lehren und jeder Schüler, der andere Wege geht, kann dennoch Viator sein.

 

Es gibt allerdings einen gemeinsamen Rahmen, innerhalb dessen sich alles bewegen muss, was als Viatorenspiritualität möglich und denkbar ist, weil alles andere nicht mehr mit dem übereinstimmt, was echte Spiritualität in ihrem Kern in allen Welttraditionen auszumachen scheint. Dieser Rahmen wird abgesteckt von drei Prämissen: Erstens, dass es eine jenseitige Wirklichkeit gibt (ohne diese sprechen wir nicht von Spiritualität, sondern von psychologischer Technik). Zweitens, dass diese erfahren werden kann (ohne dies sprechen wir nicht von Spiritualität, sondern von Buch- oder Kultreligion). Drittens, dass diese Wirklichkeit und ihre Erfahrung dem Menschen nützt und nicht schadet. Die dritte Prämisse stellt klar, dass Spiritualität keine unsinnige Weltflucht darstellt und dass es umgekehrt nicht möglich ist, die übernaturhafte oder naturhafte Schädigung von Menschen, Tieren und anderen Wesen als Spiritualität zu rechtfertigen.

 

Mit diesen Prämissen und dem daraus resultierenden gemeinsamen Rahmen wird lediglich Spiritualität von Nicht-Spiritualität abgegrenzt, innerhalb der Formen echter Spiritualität aber gibt es keine dogmatischen Beschränkungen. Dieser gemeinsame Rahmen der Pilgerspiritualität wird in der Ordensregel in einigen kurzen Sätzen zusammengefasst. Während diese Sätze für sich stehen, sollen einige darin verwendete Begriffe hier erläutert werden. So wird der Ausdruck „Transzendenz“ (Jenseits) und „transzendent“ (jenseitig) stets in dem Sinn verwendet, dass er eine Wirklichkeit bezeichnet, die unsere gewöhnlichen Sinne übersteigt, eine andere Wirklichkeit gewissermaßen. Der Theologe und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin sprach von einer Tiefenstruktur, die der gesamten Welt zugrunde liege. Wie bei ihm wird im Pilgerorden auch die „Oberfläche“, die materielle Welt, von der „Tiefe“, der Welt von Geist und Göttlichkeit unterschieden. Jenseitig ist die Tiefe, die sich unter der Oberfläche der Materie erstreckt. Diese Tiefendimension wird von den Erfahrungsabteilungen der Religionen gelehrt, die man schon früher als „esoterisch“ bezeichnet hat. Wenn dabei das mystische Bewusstsein als die Grundlage spiritueller Erfahrung angesprochen wird, so werden zugleich für das Ziel dieser geistigen Entwicklung Beispiele aus drei religiösen Traditionen, dem Christentum, der indischen Religion und dem Buddhismus gebraucht. Die drei Begriffe Unio mystica, Nirvikalpa-Samadhi und Dharmakaya sind also als Beispiele zu verstehen, die ebenso gut durch Begriffe aus anderen Traditionen erweitert werden könnten. Abschließend wird die spezielle Bedeutung der Gelübde betont, deren Aufgabe nicht nur in einer gemeinsamen Richtschnur für das Leben der Pilger besteht, sondern die zugleich die einzige konkrete und inhaltlich gefüllte verbindliche Synthese der spirituellen Lehren darstellen, die alle Viatoren miteinander teilen. Hinter den Worten der Gelübde wird also eine ganze Welt spiritueller Erfahrung und Lehre angedeutet, ohne dass diese schon wieder zur Festlegung auf bestimmte Glaubensinhalte führt.



Ad 9. Die Einführung in den Orden

Der Orden kennt zwar keine Aufnahme als Mitglied, aber eine definierte Zugehörigkeit, die damit beginnt, dass eine Person als potentielles Mitglied erkannt wird. Falls diese Person von sich aus den Wunsch nach einem spirituellen Weg äußert oder direkt um Unterweisungen in der Ordensdisziplin bittet, kann sie von einem Monostibes in den Orden aufgenommen werden. Geführte können keine Einführungen in den Orden vornehmen. Wenn der neue Adept in den Orden eingeführt wurde, kann er oder sie entweder den Einführenden oder auf eigenen Wunsch einen anderen Monostibes zum Lehrer nehmen oder ganz auf einen Lehrer verzichten, was aber nicht empfohlen wird.



Ad 10. Das Ablegen der  Gelübde

Der Paragraph schildert zwei Arten von Gelübden innerhalb des Ordens: Einerseits Gelübde, die zur Probe und zur Einübung abgelegt werden und als Orientierung bei den ersten Schritten auf dem spirituellen Pfad dienen. Wenn der Pilger dann so weit fortgeschritten ist, dass er eigenverantwortlich entscheiden kann, sich ganz an diese Gelübde binden zu wollen, erklärt er sie als verbindlich und wird damit zum praktizierenden Pilger – oder umgekehrt: sobald er die nötige Reife erlangt hat, als praktizierender Pilger ganz auf eigenen Füßen zu gehen und sein Lehrer ihm dies empfiehlt, legt er die verpflichtenden Gelübde ab.

 

Das Ablegen der Gelübde erfolgt am besten vor dem eigenen Lehrer, kann aber dann, wenn das nicht möglich ist, auch ohne ihn erfolgen. In diesem Fall sollte der oder ein Lehrer darüber informiert werden, dass die Gelübde abgelegt wurden. Aber auch dies ist nicht zwingend (das „möglichst“ kann sich auch darauf erstrecken). Auch wenn es empfehlenswert ist, einen Lehrer zu haben: der Viator wird durch die Ordensregel nicht dazu verpflichtet und kann sich sogar selbst zum Monostibes berufen, sobald er sich reif dazu fühlt. Das entspricht der Auffassung, dass alle Viatoren mündig und selbständig an ihrem spirituellen Fortschritt arbeiten müssen und an keine Hierarchien gebunden sind.

 

In diesem Zusammenhang wird in einem kurzen Einschub erwähnt, dass die verpflichtenden Gelübde möglichst „in zeremoniellem Rahmen“ abzulegen seien. Während kultische und rituelle Handlungen religiöser Art im Allgemeinen den einzelnen Traditionen überlassen bleiben, welche der Pilger praktiziert, gibt es einige gemeinsame Rituale und Ordenszeremonien, die außerhalb der Pilgerregel nachzulesen sind, weil ihre Form nicht als verbindlich gilt. Es bleibt also dem Lehrer überlassen, welche Zeremonie er zur Einführung in den Alleingeherstatus durchführt, empfohlen wird jedoch die dem ganzen Orden eigene „Zeremonie zur Einführung in den Alleingeherstand“.



Ad 11. Die drei Leuchtfeuer

Die drei Leuchtfeuer bilden so etwas wie das Herzstück der Viatorenspiritualität. Indem der Pilger sich an ihnen orientiert, bekommt sein Lebensweg Richtung und unterscheidet sich erst vom ziellosen Umherirren des Vagabunden. Deshalb sind alle Gelübde letztlich nur Ausführungsbestimmungen zu diesen drei Prinzipien des spirituellen Lebens.



Ad 12. Vier Arten von Ordensangehörigen

Schon in vorigen Paragraphen wurde zwischen Geführten, Alleingehern und Wegführern unterschieden. Hinzu kommt der unverbindliche Status, bevor ein Mitglied zum praktizierenden Viator wird (Sucher). Dabei kann es sich um den „schlafenden“ Zustand eines „berufenen“, aber dessen noch nicht bewussten Mitglieds handeln, das im Sinne der Ordensverfassung ein „nicht praktizierender Angehöriger des Ordens“ ist; oder aber um Personen, die in den Orden eingeführt wurden, aber sich noch nicht an den Gelübden und der Pilgerregel orientieren.

 

Als Praktizierende bezeichnet man die Geführten und Alleingeher sowie die Alleingeher, die als Lehrer fungieren (Monstratores). Jeder, der beginnt, sich an den Gelübden und Ordensregeln zu orientieren, wird zunächst als Geführter bezeichnet, selbst wenn er schon große spirituelle Reife erlangt hat. Wie lange er Geführter genannt wird, hängt von seiner Fähigkeit ab, die Gelübde und Ordensregeln als verbindlich anzuerkennen, nicht davon, wie viel Wissen oder welche besonderen Fähigkeiten er besitzt.

 

Alle Ordensangehörigen, die das Schülerstadium durch Ablegung ihrer verpflichtenden Gelübde hinter sich gelassen haben, werden Alleingeher oder Alleingeherin genannt, unabhängig davon, welcher spirituellen Disziplin sie nachgehen. Da sie größere Verpflichtungen eingehen als Geführte, wird von ihnen erwartet, dass sie – wie Mönche und Nonnen – die spirituellen Ordensziele in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen und beständig zu verwirklichen trachten. Das ist mit dem Ausdruck der „beständigen Verbindung zur Transzendenz“ gemeint. Das heißt nicht, dass Alleingeher Buddhas sein müssen und beständig in Nirvana verharren, sondern dass sie nach den Worten Meister Eckharts ein beständiges, immerwährendes Gefühl für Gott entwickeln sollen, so dass sie mit einem Teil ihrer bewussten Seele immer in Gott stehen, oder so, dass sie die Gottheit als Numen, als offenbarten Willen des Göttlichen wahrnehmen und sich im Alltag daran orientieren.

 

Wegführer sind keine den Anderen hierarchisch übergeordnete Lehrer des Ordens, sondern sie bekommen ihren Status als Lehrer nur zeitweilig und situativ geliehen, wenn sie Schüler haben, die von ihnen Lehren empfangen wollen. Ein Wegführer für Andere im Sinne des Ordens kann nur sein, wer sich an die verbindlichen Gelübde hält, wer also ein echter Alleingeher ist.



Ad 13. Praxispfade

Pilger haben zu wählen, welchen Weg sie nehmen, denn sie werden nicht in eine Tradition hineingeboren, in der sie automatisch ein Leben verbringen. Dabei können sie durchaus einen einmal eingeschlagenen Weg bis ans Ende dieser einen irdischen Reise verfolgen, ohne ihn wieder zu verlassen. Sie können aber, je nach den topographischen Erfordernissen ihrer Reise, mal auf einen breiteren, mal auf einen schmaleren Pfad abzweigen. Zu den breiten Hauptwegen gehören die großen Religionen in ihrem esoterischen Kern, das heißt vor allem die christliche Mystik, der Sufismus, die kabbalistische und chassidische Mystik, die daoistische, hinduistische und buddhistische Lehre und Praxis.

 

Außerdem aber zählen auch Traditionen dazu wie der Schamanismus, der ursprünglich den Stammesreligionen zugehört, die hermetisch-alchemistische und andere okkulte Traditionen des Westens und ihre heutigen Weiterentwicklungen, etwa in der Anthroposophie. Dann aber gibt es auch kleine Pfade, die in der Regel selbst nicht einen ganzen Pilgerlebensweg ausmachen können. Dazu könnte man das Legen von Tarotkarten rechnen, das manche als spirituellen Entwicklungsweg betreiben, oder eine Übung wie QiGong oder Hatha-Yoga, die ohne den großen Weg der Religion, die solche Übungen hervorgebracht hat, entwurzelt bleiben.

 

Dann wird noch einmal betont, dass alle spirituellen Traditionen von einem Viator praktiziert werden dürfen. Dabei ist es wichtig zu verstehen, was einen „spirituellen“ Weg ausmacht: dass er auf das höhere Ziel hin ausgerichtet ist, dass er zur Weiterentwicklung beiträgt und dass er ethisch Gutes anstrebt. Solche Wege verlangen unterschiedliche Arten der Übung vom Viator. Die hauptsächlichen Arten der Übung sind hier aufgeführt, wobei ihnen jeweils ein Name gegeben wird, der die Einordnung der Praxis eines Viators in eine im ganzen Orden bekannte Kategorie erleichtern soll. So sollen etwa Personen, die sich der Überwindung des Körpers durch echtes, also harte Anstrengung abverlangendes Hatha-Yoga widmen, als Asketen bezeichnet werden (weil das der westliche Oberbegriff für ihr Tun darstellt), während es die Unterscheidung in Jnana-, Bhakti- und Karma-Yogis so vor allem im Hinduismus gibt, der deshalb an dieser Stelle namensgebend wirkte.

 

In manchen Fällen allerdings erscheinen Wege wie Pilgerpfade, sind es aber nicht. Das trifft auf alle Pfade zu, die nicht den drei genannten Kriterien (das Göttliche als Ziel, Weiterentwicklung und Ethik) entsprechen. Insbesondere Personen, die Magie betreiben, um sich selbst zu erhöhen und dabei vielleicht noch anderen Personen oder der Gemeinschaft aller Wesen Schaden zufügen, können nicht dem Orden angehören (während magieähnliche z. B. schamanistische Rituale, um Hilfe aus anderen Welten zu rufen, nicht automatisch dem Ausschlusskriterium unterliegen). Zu den Wegen, die keine Pilgerpfade sind, zählen auch alle Praxisformen, die denen solcher Hexer und Hexen analog sind, die also beispielsweise potentiell schädlich auf andere Wesen wirken, auch wenn es sich um anerkannte Praxisformen etwa im Schamanismus, in Unterschulen des tibetischen Buddhismus (Shugden) oder westlichen Okkultismus handelt. Zwar mag es Argumente geben, dass auch solche so genannten Hexer und Hexen als die „dunkle Seite der Macht“ benötigt werden, der Orden jedoch sieht ihr Tun nicht als Bestandteil des von ihm gelehrten Verständnisses von Spiritualität an und heißt sie deshalb nicht in seinen Reihen willkommen.



Ad 14. Die Lebensform

Die Lebensform der Viatoren ist normalerweise keine klösterliche, auch wenn es möglich ist, dass sich Pilger zu Gemeinschaften zusammenschließen oder Teil anderer gemeinschaftlicher Lebensformen sind. Ihr Lebensstil sollte lediglich dem angemessen sein, was ihnen entspricht, und das heißt: was ihrer höheren Bestimmung in diesem Lebenslauf entspricht. Während für den einen das Leben als Mönch oder Nonne, als Einsiedler in der Großstadtwüste oder im Wald undenkbar und unnötig wäre, mag dasselbe für einen anderen nötig sein, weil er nur darin seine Höherentwicklung findet, während ein dritter genau diesen Weg schon von Geburt an aus höherer Quelle in die Wiege gelegt bekam, eventuell sogar gegen seinen eigenen Willen.

 

Weil die weltliche Existenz für den Pilger normal ist, gilt es, in jeder beliebigen Situation, im Alltag und im Beruf das Pilgerdasein voll und ganz zu leben und nicht das eine vom anderen zu trennen. Anders als klösterlich lebende Personen muss der Pilger für diese spirituelle Orientierung seines Lebens selbst Sorge tragen, er muss sich seinen Alltag einrichten und gestalten, um dem Göttlichen darin den ihm gebührenden Platz einzuräumen.

 

Besonders werden noch einmal zwei Aspekte der Spiritualität im Alltag betont. Einerseits die Tatsache, dass Pilger anderen, die sie auf ihrem Weg treffen, nicht wie Störungen, sondern mit besonderer Offenheit begegnen sollen. Allein schon sein Herz für andere zu öffnen, ihnen in Gedanken Gutes zu wünschen und sie freundlich wahrzunehmen, kann zur spirituellen
Übung heranwachsen. Umso mehr, wenn Viatoren ein Verhalten kultivieren, dass die Anonymität der Großstädte und die Verschlossenheit der Landbevölkerung überwindet und es ermöglicht, dass Menschen einander begegnen, statt aneinander vorbei zu gehen. Dabei können auch einfache Praktiken angemessen sein, wie das anonyme Schenken an Fremde oder jeden Tag nach einer Person Ausschau zu halten, der man eine Freude bereiten kann. Dieses Ideal wird hier nur angedeutet und mehr als Anregung hingestellt.

 

Der zweite besonders betonte Aspekt bezieht sich auf die Erkennbarkeit von Viatoren. Viatoren sind äußerlich nicht anders als andere Erdenbewohner. Sie leben zwar nicht verborgen, aber auch nicht öffentlich. Wenn Viatoren wollen, so können sie jedoch Ordensabzeichen tragen. Diese Erlaubnis steht scheinbar im Widerspruch zur Geheimhaltung der Mitgliedschaft. Das ist aber nur dem Wortlaut nach der Fall, nicht nach dem Geist dieser Vorschrift. Denn die Geheimhaltung soll nicht grundsätzlich verhindern, als Viator in Erscheinung zu treten. Geschieht dies auf eine Weise, die dem Ordensideal und anderen Pilgern nicht schadet, ist dagegen nichts einzuwenden. Ein eigenes Habit würde jedoch als Konkurrenz zu religiösen Institutionen angesehen werden. Deshalb soll der Viator ein besonderes Ritualgewand auch nur zu solchen Anlässen, aber nicht in der Öffentlichkeit tragen.

 

Die letzten beiden Sätze können nicht nur als Abschluss des Abschnittes über Erkennungszeichen angesehen werden, sondern auch als Zusammenfassung der Grundidee der Pilgergemeinschaft, die den Orden insgesamt trägt und ihm seine besondere Prägung verleiht: In wem auch immer die Sehnsucht nach der jenseitigen Heimat stärker oder doch ebenso groß ist wie die – in allen Menschen zugleich auch vorhandenen – diesseitigen Abhängigkeiten, der kann als Viator gelten.