Erläuterungen zu den Gelübden



I. Gelübde der rechten Bindung

Die erste Gruppe von sechs Gelübden beschäftigt sich mit dem Problem der Verstrickung in diese Welt und in das eigene Ego und stellt dieser falschen Bindung die richtige Bindung an altruistische und transzendente Ziele gegenüber.


Der transzendente Meister

Das Göttliche oder die Transzendenz sind allgemeine, nicht inhaltlich festgelegte Ausdrücke für das höchste spirituelle Ziel des Pilgers, gleichgültig ob dieses in seiner eigenen Haupttradition andere Namen trägt (wie Buddhageist oder Gott Vater). Der Viator spricht, wenn er von einem personalen Ausdruck des Göttlichen spricht, in der allgemeinen Formulierung von seinem transzendenten Meister (oder, wenn es sich um eine personale Beziehung handelt, auch vom „Freund und Meister“). Der Ausdruck ist also nicht mit dem menschlichen spirituellen Meister zu verwechseln. Gott, Buddha, heilige Wesen oder das Göttliche im eigenen Selbst werden als transzendente Meister bezeichnet, weil wir davon ausgehen, dass sie uns auf höhere Entwicklungsstufen unserer selbst hinaufführen wollen und daran aktiv mitwirken. Wir können deshalb auf ihre Hilfe und Unterstützung bauen und sollten dies auch tatsächlich tun. Welcher Form des transzendenten Meisters wir uns anschließen, bleibt uns und unserer Tradition überlassen. Ein Ausdruck für eine Manifestation des Göttlichen in menschlicher Gestalt ist im Sanskrit Avatar (wörtlich „Herabkunft“). Weil „Herabkunft“ für alle göttlichen Inkarnationen in unserer Welt zu stehen vermag (wenn man ihn nicht im engeren Sinne des hinduistischen Systems gebraucht), wird er hier als allgemeine Variable verwendet.


Sterbliche Wesen

Alle sterblichen Wesen, das heißt alle fühlenden Wesen, die nicht identisch sind mit dem Höchsten, sind keine geeigneten Gegenstände letzter Verehrung. Sie können mit Opfergaben und Geschenken bedacht werden, man kann Kommunikation an sie richten und mit ihnen Umgang haben, so einem dies möglich ist. Aber man sollte sie nicht mit dem Göttlichen verwechseln, das allein verdient, angestrebt und verehrt zu werden. Der Viator bindet sich an seinen göttlichen Meister und an niemanden sonst. Selbst an einen Engel oder sterblichen Gott (wie die Hindus und Buddhisten ihn kennen) sollte er sich nicht binden. Bei einem menschlichen Lehrmeister sollte er sich nur an dessen göttlichen Anteil binden. Dieses Bindungsprivileg schließt ein, dass partnerschaftliche Liebe oder die zwischen Eltern und Kindern zwar stark sein kann, aber niemals stärker sein darf als die Bindung zum göttlichen Meister, ansonsten stimmt die Ausrichtung des Geistes des Viators nicht mehr, der zum Göttlichen hin orientiert sein soll wie der antike Steuermann auf den Polarstern. Alles was sich zwischen die Beziehung des Pilgers mit dem Göttlichen schiebt, verstellt die freie Sicht nach oben und ist aufzugeben. Das mag als eine schwere Übung erscheinen, ist aber unabdingbar und zeigt gleich im ersten Gelübde, dass der Pilgerpfad kein einfacher Weg für eine unverbindliche Spiritualität ist.


Sexualität

Sexualität wird Ordensmitgliedern nicht per se untersagt. Sie ist allerdings nur unter den beiden Bedingungen zulässig, die hier und andernorts ausgesagt sind: Wenn sie nicht deshalb unrecht ist, weil sie den Anderen zum Objekt degradiert und damit ethisch vom Anderen und spirituell vom Göttlichen trennt. Und wenn sie andererseits nicht dazu führt, dass die begehrte Person zum Objekt weltlicher Anhaftung wird. Während gegen eine dauerhafte monogame Partnerschaft auch bei Ordensangehörigen nichts einzuwenden erscheint, ist sie also dann nicht statthaft, wenn Sexualität zur Sucht wird statt zur Würze einer freien, schenkenden und empfangenden Liebe.


Leidenschaften

Der Begriff Leidenschaften wird hier im Sinne des Buddhismus gebraucht, um damit die beiden hauptsächlichen Grundleidenschaften Begierde und Abneigung sowie die beiden zusätzlichen Grundleidenschaften Stolz und Neid/Eifersucht zu klassifizieren. Diese vier Leidenschaften, die zusammen mit getäuschtem Bewusstsein die fünf Geistesgifte bilden, sind die Hauptursache mangelnden Fortschritts auf dem spirituellen Pfad. Alle Religionen stimmen darin überein, dass sie dem Weg zum Göttlichen hinderlich sind. Insbesondere führen sie zu einer Verstrickung in diese Welt und ins eigene Ego statt den Blick auf das Göttliche und die Weite der anderen Welt freizugeben. Es ist sehr wichtig zu erkennen, dass die Objekte dieser Welt nicht glücklich machen und deshalb keinen Anlass geben, Begehren oder Abscheu zu erregen. Dieses Erkennen kann auf unterschiedliche Weise erfolgen.


Transformieren

Der Umgang mit den genannten Leidenschaften ist eine der beiden Hauptaufgaben des spirituellen Pfades (während man die Vertiefung und Konzentration auf das Göttliche als die zweite Aufgabe ansehen kann). Dazu haben verschiedene Traditionen verschiedene Methoden entwickelt. Sinnvoll ist es, Leidenschaften nicht zu unterdrücken und ins Unbewusste zu verdrängen, sondern zu transformieren, das heißt, sie entweder durch Nachdenken, Achtsamkeit, Meditation oder Aufrechterhaltung eines meditativen Geisteszustandes aufzulösen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass man sie in gezähmter Form zu positiven Zwecken nutzt, so wie man lebendige, aber geschwächte Krankheitserreger zur Impfung verwendet.


Ethik

Es mag viele ethische Theorien geben, dennoch ist es in vielen konkreten Situationen möglich zu entscheiden, was das objektiv gute und richtige Verhalten wäre, jenseits von Eigennutz und Partikularinteressen. Die hier angesprochene Ethik entstammt der hohen gedanklichen Perspektive eines unparteiischen und jenseits jeder Konvention gebildeten Standpunkts. Der Paragraph fordert die Einübung einer solchen ethischen Ausrichtung des eigenen Handelns von dieser „hohen Warte“ aus, wobei weder die unmittelbar beteiligten Wesen noch das Wohl aller anderen fühlenden Wesen aus dem Blick verloren gehen dürfen.


Ideale (Paramitas)

Bei den Idealen, die hier aufgezählt werden, handelt es sich um die sechs Tugenden (Paramitas, wörtlich: das, was einen ans andere Ufer kommen lässt) eines Bodhisattvas aus dem Mahayana-Buddhismus. Diese Tugenden sind so bedeutsam für einen spirituellen Pfad, dass sie in jeder Tradition, auch wenn diese andere Haupttugenden aufzählt, Gültigkeit besitzen dürften.


Maitri/Agape

Der christliche Begriff der Agape (Nächstenliebe) wird ergänzt durch den Sanskrit-Begriff Maitri, womit Liebe in einem umfassenden Sinn gemeint ist, bei dem die Gegenüberstellung von Nächstenliebe zu erotischer Liebe, zu Mitgefühl und zur Gottesliebe überflüssig wird. Es geht darum, in jeder Situation begehrendes, besitzergreifendes „Lieben“ durch echtes, von Selbsttranszendenz und göttlicher Verbundenheit begleitetes Lieben zu ersetzen.




II. Gelübde des echten Entsagens

Diese Gruppe von sechs Gelübden empfiehlt ein Aufgeben, das nicht mit Resignation und Weltabkehr aus blanker Enttäuschung identisch ist, sondern einen aktiven Prozess und einen festen Entschluss umfasst, sich von allen Hindernissen abzuwenden, die den Weg in die transzendente Tiefe versperren und zur Oberfläche der materiellen Welt verführen wollen.


Leitung durch das Göttliche

Verschiedene Traditionen unterscheiden sich deutlich darin, ob sie entweder eine Vorsehung, positive Bestimmung und finale göttliche Führung oder andererseits eine kausale karmische Relation annehmen oder beides. Manche, wie der Daoismus, denken eher im Bild eines beständigen Flusses des Lebens, der sich seinen Weg durch ein Gebirge sucht und dem der Weise folgen sollte, statt über den Berggipfel steigen zu wollen. Über alle theoretischen Grenzen hinweg betont dieser Paragraph, nicht vom individuellen Egozentrum aus, sondern von einer höheren Quelle den eigenen Weg zu finden. Die eine Voraussetzung dafür besteht in einer demütigen Haltung gegenüber diesem Numinosen, dem man sich zur Verfügung stellt. Die andere innere Voraussetzung besteht in einem Erkenntnisvermögen, das die numinose Führung zu erkennen vermag und das wir als „höhere Intuition“ bezeichnen (die niedere Intuition ist hingegen das, was die Psychologie als einen unbewussten Problemlösevorgang unter Einbezug alter Erfahrungen und Gefühle betrachtet). Diese höhere Intuition kann uns in jeder Situation Richtung und Weg zeigen und wir können sie als leise Stimme in uns wahrzunehmen lernen, wenn wir uns verlaufen haben und nicht wissen, wo es weitergeht. Viatoren müssen lernen, dieser Erkenntnisquelle zu vertrauen und sie zu nutzen, um ihren eigenen Weg zu finden.


Eigennutzen

Der zweite Paragraph beschäftigt sich mit dem Aufgeben des Egoismus, der dafür sorgt, dass wir um uns selbst kreisen und mit uns mehr beschäftigt sind als mit unserer spirituellen Aufgabe. Andere Wesen in den Mittelpunkt unseres Interesses zu stellen, hilft letztendlich uns selbst, von uns frei zu werden. Das gleiche gilt für eine demütige Haltung gegenüber der spirituellen Lehre, der wir folgen (einschließlich der Viatorenregel), die uns der wichtigere Lebensinhalt sein soll gegenüber Gelderwerb oder anderen weltlichen Verpflichtungen (deren wir uns nicht entledigen, die wir aber niedriger bewerten sollten). Auch die Art, wie wir uns selbst darstellen, kann und sollte von dieser Demut getragen sein, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen wie Andere, wie die Lehre und die spirituelle Aufgabe.


Präsenz

Der Begriff Präsenz lässt sich allgemein als gesammelte, ungerichtete Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit auffassen oder in einem anderen, spezielleren Sinn (etwa im Sinne des tibetischen Begriffs Rigpa), in jedem Fall aber ist damit eine in der Gegenwärtigkeit aufgehende, auf die eigentliche Existenzform der Dinge hin ausgerichtete Wahrnehmung aller inneren und äußeren Vorgänge gemeint. Allein schon, um im spirituellen Bewusstsein zu bleiben, ist es nötig, kontinuierlich präsent zu sein. Darüber hinaus kann Präsenz ein ganzer Pfad für sich sein. Die Praxis sollte deshalb kontinuierlich geübt und niemals willentlich unterbrochen werden. Während wir am Anfang keine Kontrolle darüber haben, wenn die Präsenz unwillkürlich verschwindet (etwa im Schlaf), haben wir zumindest dafür zu sorgen, dass wir nicht durch Drogen, Fernsehen und andere Tätigkeiten, die uns die klare Sicht rauben, in unserer Präsenz behindert werden.


Illusionäre Sicht

Obwohl nicht alle spirituellen Traditionen von einer illusionären Sicht sprechen, geht der Viatorenorden davon aus, dass es ein gemeinsames Bewusstsein aller spirituell Erfahrenen für die Tatsache gibt, dass diese Welt nicht wirklich das ist, was sie zu sein scheint: fest und solide, Oberfläche und unbeseelt. Auch unser eigenes Tun erscheint spirituell Erfahrenen von anderen Quellen beeinflusst als dem gewöhnlichen Menschen, von anderen Zusammenhängen und aus einer numinosen Dimension mitbestimmt. Der spezielle Ausdruck dafür im Viatorenorden lautet „Das große Spiel“ und übernimmt den indischen Gedanken des göttlichen Spiels (lila). Viatoren sehen sich als Teil eines überweltlichen Ganzen, in dem sie und alle Anderen nicht mehr sind als eine Welle im Ozean. Deshalb sind alle Wesen und Dinge ohne eigenständige Substanz, nicht unbedingt, weil sie nur eine Täuschung wären, in der das Leben nichts anderes ist als eine Art großer Traum (was mögliche Deutungen wären, die aber der Auffassung des Einzelnen überlassen bleiben). Diese Sichtweise mag für manche Viatoren den essentiellen spirituellen Gehalt ihres Pfades überhaupt ausdrücken, für andere hingegen relativ unbedeutend sein.


Selbstüberzeugtheit

Alle Dinge sind im stetigen Fluss. Diesen Fluss aufzuhalten, bedeutet, sich außerhalb der Wahrheit zu stellen. Wer an einer bestimmten Vorstellung anhaftet, ist nicht frei, die Wirklichkeit zu sehen. Das gilt für die Vorstellung, die wir uns von einem Menschen bilden ebenso wie für Einstellungen und Theorien. Insbesondere aber gilt es für Lehrsysteme aller Art, die wir zu Dogmen erklären, statt zu sehen, ob sie gerade jetzt einen Nutzen für uns enthalten. Noch schlimmer als selbst in unflexibler Weise einem bestimmten Lehrsystem anzuhängen, ohne es mit den gerade existierenden Umständen abzugleichen, ist es, wenn man dieses Lehrsystem einem Anderen gegen dessen Willen aufdrängt. Die diktatorische Durchsetzung eigener Überzeugungen führt nicht zu spirituellem Fortschritt. Nur wer aufhört, an bestimmten Urteilen anzuhaften und Andere für das zu verurteilen, was sie sind und denken, macht sich von geistigen Verhaftungen und egozentrischen Sichtweisen frei.


Rechter Gebrauch von Gütern

Alles, das wir rechtmäßig besitzen, wurde uns von jemandem gegeben. Selbst wenn uns etwas von Geburt an gehört, wurde uns dies von unseren Eltern gegeben. Wenn wir uns etwas Fremdes nehmen und als unser Eigentum deklarieren, so ist das Unrecht: beispielsweise wenn wir von der Natur nehmen ohne zurückzugeben und von den Armen dieser Erde nehmen, von denen wir unseren Reichtum geliehen haben. Der Viator muss nicht in völliger Armut und Besitzlosigkeit leben, sofern er weder an seinem Besitz anhaftet noch einen Lebensstil pflegt, der den eigenen Nutzen über den der anderen Wesen stellt, sondern nimmt und zurückgibt. 

 

Neben diesen ethischen Aspekten ist es für den spirituell lebenden Menschen von großer Bedeutung, sich keinen Zielen zu widmen, die ihn von seinem Weg abbringen. Die Verführung durch die Krankheiten unserer Zeit, durch Geld, Konsum und Erhöhung des Selbstwertes, ist sehr stark. Viele Menschen verfallen sehr leicht der Idee, sie müssten in dieser Hinsicht erfolgreich sein. Dieses Streben an sich aber führt in die Irre und ist mit dem spirituellen Streben unvereinbar. Wenn es dem Pilger auch gestattet ist, Geld und materielle Güter zu besitzen und sich von anderen seinen Selbstwert bestätigen zu lassen, so darf er doch niemals danach streben und mehr Energie darauf verwenden als auf seinen spirituellen Weg.


Aufgeben des Weges

Es passiert leider sehr leicht, dass Pilger den Weg verlassen oder an einem Rastplatz bleiben, statt weiterzugehen. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Einerseits können irdisches Glück und einfache Freude dafür sorgen, dass der Pilger vergisst, wozu er den spirituellen Pfad eingeschlagen hat. Das ist vergleichbar den odyseeischen Pilgern im griechischen Epos, die von Kirke verführt werden, ihre Weiterreise zu verschieben, aber statt sinnlichen Glücks zu erlangen in Schweine verwandelt werden. Deshalb ist es wichtig, dass der Pilger gegenüber den Verlockungen am Wegesrand gewappnet ist, indem er frühzeitig den Entschluss fasst, niemals wieder den eingeschlagenen Weg zu verlassen, selbst wenn er angesichts der sich ihm bietenden Vergnügungen dieses Daseins irgendwann keinen Grund mehr erkennt, sich von den Fesseln des Diesseits befreien zu wollen.

 

Die zweite Situation, die den Pilger dazu verführt, aufzugeben und nicht weiter gehen zu wollen, überfällt uns, wenn wir uns im Zustand der Prüfung befinden. Prüfung bedeutet, dass wir Leid zu verkraften haben, und die Prüfung besteht darin, wie wir es schaffen, damit umzugehen, gleich ob es sich um karmisches Leid oder solches handelt, das uns geschickt wurde, um uns in der Nutzung unserer spirituellen Waffen zu üben. Fallen wir von unserem Vorsatz ab, uns weiterzuentwickeln und dem transzendenten Meister oder der spirituellen Lehre zu vertrauen, dann haben wir die Prüfung nicht bestanden. Wir haben nicht verstanden, dass Leid die günstigste Gelegenheit bietet, sich spiritueller Errungenschaften zu bedienen und zu versichern. Wir verstehen in unserer Auflehnung nicht, dass es unsere eingeschränkte Perspektive ist und unsere Verstrickung in unser Ego und diese Welt, die uns leiden lässt, während aus einer objektiven, kosmischen Perspektive unser Leiden unnötig oder unbedeutend erscheint. Deshalb sollen wir uns bemühen, gerade im Leiden auf dem Weg zu bleiben.




III. Gelübde des stetigen Praktizierens

Die Praxis zeichnet einen Viator aus, nicht irgendein Fürwahrhalten. Besonders bedeutsam ist es deshalb für einen Pilger, seinen Alltag in einer Weise zu gestalten, die eine übende Praxis bildet. Damit befasst sich die dritte Gruppe von Gelübden.

 

Meditation

Unter den verschiedenen Arten spiritueller Praxis ragt die Meditation als die Vertiefung und Schulung des Geistes klar heraus. Ohne meditative Praxis in irgendeiner Form und zu irgendeinem Zeitpunkt ist spiritueller Fortschritt offenbar nicht möglich. Anfänger sollten jedoch eher kurze Meditationszeiten einhalten, um sich weder zu frustrieren noch zu überfordern und dadurch geistige Komplikationen zu provozieren. Fortgeschrittene können längere Zeit ohne größere Probleme meditieren und sollten dies auch tun. Um welche Meditationsform es sich handelt, wird hier nicht festgelegt, sie sollte jedoch „in Stille“ erfolgen.


Dienst am Anderen

Neben Meditationen sollen auch Übungen der Nächstenliebe den eigenen spirituellen Pfad bereichern. Gebet und die Ausübung kultischer Handlungen zugunsten anderer Wesen kann ein solcher Dienst am Nächsten sein. Aber jede Handlung, die Leiden reduziert und das Gute in Anderen anwachsen lässt, ist dem Viator ebenso ausdrücklich geboten. Pilger sollten niemals ihren Weg entlang eilen und dabei die Bedürfnisse der Wesen um sie herum übersehen, sondern sich ihnen widmen. Dabei erstreckt sich die Verpflichtung zu Handlungen der Nächstenliebe jedoch nur auf solche Handlungen, die dem tatsächlichen Nutzen der Wesen dienen. Verkehrt wäre es, sinnvolle Hilfe im Sinne dessen, was Andere für ihr wahres Glück wirklich brauchen, mit der Erfüllung ihrer oft völlig getäuschten Wünsche  zu verwechseln.


Die kleinen Rituale

Da die meisten Viatoren mitten in der Welt leben und nicht in einem Kloster, sind alltägliche Rituale für sie ebenso wichtig wie das regelmäßige Stundengebet für Klosterbewohner, das dem Alltag der christlichen Mönche und Nonnen Struktur verleiht. Rituale helfen uns, dass unsere Ausrichtung auf ein Ziel hin zur Gewohnheit wird, was unserer Praxis Stetigkeit und Konsequenz verleiht und Ruhe und Stabilität in unser Leben bringt. Es gibt viele Möglichkeiten, Rituale zu pflegen. Deshalb steht an dieser Stelle in den Gelübden das Wort „beispielsweise“. Damit soll ausgedrückt werden, dass es sich um eine weder ausschließliche noch verbindliche Aufzählung handelt, sondern lediglich um Beispiele, wie ein von kleinen Ritualen durchwirkter Tagesablauf aussehen könnte.

 

Das erste, was genannt wird, ist die Gewohnheit, gleich beim Erwachen als erstes an Heilsames zu denken. Dabei kann es sich um den Wunsch handeln, möglichst vielen Wesen nützlich sein zu dürfen oder um einen Dank an Gott für den neuen Tag, den er geschenkt hat, oder die Bekräftigung, diesen Tag im Sinne der spirituellen Aufgabe nutzen zu wollen, wie es hier genannt wird.

 

Zweitens wird von einem Morgengebet gesprochen, das beispielsweise immer denselben Text beinhalten kann und in einem Gebet wie den im Anhang abgedruckten Formulierungen für das „Morgengebet des Ducendus“ oder „Morgengebet des Monostibes“ bestehen kann. 

 

Als drittes wird der Zeitpunkt des Essens als sinnvoller Anknüpfungspunkt für ein Gebet genannt. Das ist in vielen religiösen Traditionen so üblich. Nur in einer Überflussgesellschaft vergessen die Menschen, dass sie vom Vorhandensein von Nahrungsmitteln ganz und gar abhängig sind. Gleichgültig ob sie selbst viel oder wenig zu essen haben, sollten sie deshalb für ihre Nahrung dankbar sein und anderen das Gleiche wünschen.

 

Als viertes wird die Mudra des Lehrens genannt, eine Geste (oft in Höhe des Herzens), bei der man aus Daumen und Zeigefinger einen Ring formt, während die übrigen Finger unangespannt ausgestreckt werden. Eine solche Geste dient der Verankerung unserer Vorsätze, indem wir uns an diese erinnern. Die Geste ist also für uns selbst gedacht. Wenn wir wollen können wir folglich auch eine andere Geste verwenden.

 

Als fünftes wird gesagt, dass wir auch beim Einschlafen versuchen sollten, einen heilsamen, spirituellen Geisteszustand zu bewahren, weil das, was wir vor dem Einschlafen denken, Wirkungen auf unseren Traumzustand haben kann.

 

Darüber hinaus gibt es andere Rituale, die sinnvoll sein können. Manche Menschen widmen sich zu Beginn oder am Ende des Tages körperlichen Übungen. Manche lassen sich jeden Tag durch ein Orakel inspirieren. Manche widmen sich zu immer derselben Uhrzeit einer kreativen Aufgabe. Manche lesen morgens oder abends aus einem spirituellen Buch, vielleicht einem solchen, das für jeden Tag des Jahres einen Leitgedanken formuliert. Manche nehmen sich vor, ein bestimmtes kurzes Gebet oder Mantra in Gedanken zu rezitieren, so oft es ihnen einfällt. Manche verrichten Gebete zu mehreren, festen Tageszeiten. Manche machen eine Geste und sprechen still eine religiöse Formel, wann immer sie ein Kreuz oder eine Buddhastatue erblicken, andere knüpfen einen Moment des Innehaltens und der Andacht an akustische Signale wie das Läuten einer Glocke, das Ertönen einer Sirene oder das Klingeln eines Telefons oder an Situationen wie das Warten vor einer Ampel.

 

Neben Meditationen und täglichen kleinen Ritualen sind weitere regelmäßige Übungen sinnvoll, die zu den spirituellen Praktiken der einzelnen Lehrsysteme gehören, aber auch davon unabhängig jedem Pilger anzuempfehlen sind, denn Pilger sind bemüht, aus jeder möglichen Situation spirituellen Nutzen zu ziehen. Sofern sie wach und aufmerksam sind, kann ihnen jede Situation zur spirituellen Übung geraten. Sie können aber auch absichtlich herausfordernde Situationen herstellen, die als spirituelle Übungen dienen, indem sie sich darin üben, die Verhaftung an Dinge und Umstände zu überwinden. So könnten sie gewohnte Gegenstände, den Terminkalender, das Telefon oder den Computer an einem Tag einmal nicht benutzen oder kein Geld mitnehmen, wenn sie aus dem Haus oder auf Wanderschaft gehen.


Rechte Rede

Kommunikation ist die Form, wie wir mit anderen Wesen in Verbindung treten. Zur Kommunikation gehört die verbale Rede, aber auch das, was wir durch Mimik und Gestik, den Tonfall und die Ausdrucksweise, durch unser Handeln und Verhalten sichtbar werden lassen. Sogar unsere Gedanken können zur Kommunikation werden für denjenigen, der sie unmittelbar versteht oder der sie an unseren offensichtlichen Reaktionen erkennt. Wenn wir mit anderen Wesen zusammentreffen, sollten wir einerseits durch unsere Kommunikation eine Atmosphäre schaffen, die Frieden und Harmonie, Tiefe und Spiritualität stiftet. Zum anderen sollten wir die Mittel der Kommunikation gebrauchen, um Andere, die dazu bereit sind, auf den Großen Weg zu führen. Wir sollten dies mit den Mittel tun, die dem Zustand des Anderen angemessen sind. Nicht jeder benötigt die gleichen spirituellen Lehren auf die gleiche Weise, nicht jeder kann verbale Unterweisungen in sein Denken integrieren. Mancher profitiert von indirekten Belehrungen, mancher nur vom Vorbild des Handelns oder von der inneren Haltung des Viators, deren Grundlage wiederum die Kultivierung unseres Denkens und Fühlens ist.


Identifikation mit dem Transzendenten

Eine wichtige Übung in allen esoterischen Traditionen und – ohne die Unterschiede zu verwischen – ihr gemeinsamer Kern besteht im Anstreben der Vereinigung des Menschlichen mit dem Göttlichen. Wenn hier die Begriffe Transzendentes und Göttliches verwendet werden, so dienen sie ebenso wie der Begriff „transzendenter Meister“ als Variablen, die jede spirituelle Tradition mit ihren eigenen Bezeichnungen, Ideen und Erfahrungen füllen kann. So kann der Mahayana-Buddhist danach streben, zum Buddha zu werden und der Vedantin zu Brahman, während der Vaishnava, der Theravadin und der Christ vielleicht eher danach trachten, zum Heiligen zu werden, der sich mit dem Göttlichen ewig verbunden fühlt. In diesem unterschiedlichen Sinne sind auch die Aussagen zu interpretieren, die sich darauf beziehen, dem Transzendenten ähnlich zu werden oder sogar identisch mit ihm. Wer nicht daran glaubt, dass er eins wird mit seiner transzendenten Quelle, sondern in ihr baden und Person bleiben wird, wird den Begriff Identifikation als anstrebende Gleichheit und zu erreichende Teilhabe definieren. Wer die völlige Identität der Quelle und des Ausflusses, der wir sind, für möglich hält, wird das Gleichwerden nicht nur als Übung, sondern als Ziel ansehen. Dabei sollten wir allerdings nicht den schweren Fehler begehen, uns selbst für das Ziel unserer spirituellen Reise zu halten. Diese Verwechslung, zu glauben wir seien der transzendente Meister statt zu wissen, dass wir uns selbst überwinden müssen, um ER zu werden, kann besonders bei magischen und pseudo-esoterischen Praktiken leicht geschehen, aber auch auf Irrwegen aller anderen Schulen. Wenn wir jedoch wissen, dass wir in verborgener Wirklichkeit mit dem transzendenten Meister eins sind, dann empfinden wir rechten göttlichen Stolz, der darin besteht, dass wir unsere wirkliche Menschenwürde erkennen, die sich auf unserer Göttlichkeit begründet. Das aber ist genau das Gegenteil von jenem unrechten menschlichen Stolz, der entsteht, wenn wir uns für eine Gottheit halten oder uns ganz egozentrisch von ihr und Anderen abtrennen.


Prüfung und Erneuerung der Gelübde

Die Gelübde sollen gehalten werden, das ist ihr Sinn. Es wäre deshalb nutzlos, sie nur einmal abzulegen und dann wieder zu vergessen. Es ist also wichtig, sie sich so gut einzuprägen, dass sie einem ständig präsent sind. Dazu ist es notwendig, sie immer und immer wieder zu wiederholen. Das soll mindestens einmal pro Woche geschehen, kann aber natürlich auch jeden Tag oder so oft wie möglich gemacht werden. Dabei kann es nicht genügen, sich an die Gelübde zu erinnern, wobei es egal wäre, ob man sie gehalten hat oder nicht. Es ist im Gegenteil erforderlich, vor sich selbst Rechenschaft darüber abzulegen, wie verbunden man im Alltag mit ihnen war. Dabei genügt es, sich bei jedem Paragraphen zu fragen, ob man sich an ihn gehalten hat oder nicht. Man kann dies auch vor anderen Pilgern tun, um die innere Verpflichtung zu erhöhen, sich wirklich an die Gelübde zu halten, aber das ist von den persönlichen Umständen abhängig. Andere Methoden der Selbstprüfung bestehen darin, eine Art Strichliste zu führen oder die alte Methode anzuwenden, weiße und schwarze Steine in eine Schale zu legen für jedes eingehaltene beziehungsweise nicht eingehaltene Gelübde. Die Selbstprüfung dient im Übrigen nur dem Pilger selbst. Wenn andere Pilger ihn als Geführten überwachen oder sehen, dass er seine Gelübde keinesfalls hält, könnten sie ihn oder sie zwar ermahnen und im äußersten Fall erklären, ihn oder sie nicht mehr als Pilger anzusehen. Jeder ist aber stets selbst für sein eigenes Handeln verantwortlich und muss in erster Linie selbst versuchen, Konsequenzen daraus zu ziehen, wenn es ihm oder ihr schwer fällt, die Gelübde einzuhalten.

 

Damit endet das Pilgerbuch, das die wichtigsten und verbindlichen Regeln, Gelübde und Erläuterungen zum Leben im Pilgerstand, im status viatoris, enthält und das nur dem aufrecht Suchenden von Wert und ein Führer auf dem Weg sein wird.